Mensch oder Humankapital
16.03.2010 - BAD KREUZNACH
Von Robert Neuber
BILDUNG Professor Jochen Krautz diskutiert in der Kunstwerkstatt
Glaubt man Professor Jochen Krautz, macht sich im deutschen Bildungswesen zunehmend eine Orientierung an ökonomischen Parametern breit: Schulen werden geführt wie Unternehmen, die Unterrichtung der Kinder wird beurteilt nach ihrer ökonomischen Renditeperspektive. Der Bonner Kunstpädagoge, der auf Einladung der Kreuznacher Kunstwerkstatt vor gut 60 interessierten Eltern und Lehrern sprach, zitierte dabei aus seinem Buch "Ware Bildung - ein Fass füllen oder ein Licht anzünden". Demnach werde das Ideal einer Erziehung zum Menschsein, von Bildung als Wert an sich und ohne "frühzeitige Abzweckung des Menschen" (Humboldt) verdrängt durch das genaue Gegenteil. Auch das Ideal von Bildung als interpersonalem Geschehen zwischen Lehrer und Schüler wird Krautz zu Folge angegriffen - und zwar ausgerechnet durch die so häufig von Bildungsinstitutionen geforderten neuen Unterrichtsmethoden am Computer oder Konzepten wie "offenes Lernen".
Und die Verfassung?
Unter Beifall wies Krautz auf die rheinland-pfälzische Landesverfassung hin, in der es zur Bildung heißt: "Die Schule hat die Jugend zur Gottesfurcht und Nächstenliebe, Achtung und Duldsamkeit, Rechtlichkeit und Wahrhaftigkeit, zur Liebe zu Volk und Heimat, zum Verantwortungsbewusstsein für Natur und Umwelt, zu sittlicher Haltung und beruflicher Tüchtigkeit und in freier, demokratischer Gesinnung im Geiste der Völkerversöhnung zu erziehen. Bei der Gestaltung des höheren Schulwesens ist das klassisch-humanistische Bildungsideal neben den anderen Bildungszielen gleichberechtigt zu berücksichtigen." Danach, so Krautz spitz, dürfe beim nächsten Verfassungsbericht des Landes "ruhig mal wieder gefragt werden".
In krassem Gegensatz zur rheinland-pfälzischen Verfassung und ihrem Bildungsanspruch stünden nämlich die mit der PISA-Studie erfassten Bildungsinhalte, die nach Krautz Auffassung eben keine Bildungsinhalte sind, sondern nichts weiter als anwendungsbezogene Fähigkeiten, die den Menschen letztendlich zum willfährigen und effizienten Werkzeug einer globalen Ökonomie werden lassen. Verwundern dürfe das nicht, schließlich sei die OECD als Auftraggeberin der Studie eine ökonomische Institution, die sich wiederum stark an den Bedürfnissen der Wirtschaft ausrichte. So komme es dann zu einer Bildungsperspektive, die sich in Buchtiteln wie "Human capital" spiegele und die von einer "kalkulierenden Haltung zum Kind" zeuge. Die von der OECD über PISA geforderten Schlüsselkompetenzen sollen "Anpassung ermöglichen", zitiert Krautz die Organisation, um energisch zu widersprechen: "Anpassung hat mit Bildung noch nie etwas zu tun gehabt." Neben ökonomisch dominierten Organisationen wie der OECD seien aber auch Stiftungen aus der Wirtschaft - Krautz nennt insbesondere die Bertelsmann-Stiftung - daran interessiert, die ökonomische "Denke" auf subtile Art und Weise in den Köpfen der Menschen zu verankern. Auf den Einwand seitens eines Lehrers, die Einflussnahme der Wirtschaft wie anderer gesellschaftliche Interessengruppen auf Bildungsinhalte sei doch "ein alter Hut", entgegnete Kratz, nicht die Tatsache einer Einflussnahme sei neu, sondern Ausmaß sowie Art und Weise. Es gehe eben nicht um die profane Möglichkeit eines Fachs "Wirtschaftslehre", sondern um das Durchdringen des Bildungssystems mit privatwirtschaftlichen Strukturen und Denkweisen: auf Effizienz ausgerichtete Management-Methoden in der Schulverwaltung, aus der Betriebswirtschaft entliehene Methoden wie "Total Quality Control", aber auch als modern geltende Unterrichtsmethoden, die das selbstständige Arbeiten von Schülern fordern und fördern. So funktioniere Bildung im klassischen Sinne nicht, meinte Krautz, denn ohne den Lehrer fehle ein wesentliches Merkmal von Bildung - nämlich der interpersonale Aspekt.

