„250 Euro sind kein Anreiz“
07.07.2012 - KREIS BAD KREUZNACH
Von Björn Gutheil
AUSBILDUNG Aktuell sind noch 279 Stellen im Kreis unbesetzt / Künftig Anwerbung von Azubis aus dem Ausland?
„Die Situation ist schon heftig“, sagt Jörg Lenger besorgt. Dem Leiter der Bad Kreuznacher Geschäftsstelle der Industrie- und Handelskammer (IHK) Koblenz macht die Ausbildungssituation im Kreis zu schaffen. Er berichtet von Fällen, in denen auf einen ausgeschriebenen Ausbildungsplatz nicht eine Bewerbung eingegangen sei.
Gab es vor wenigen Jahren noch einen Kampf junger Menschen um einen begehrten Ausbildungsplatz, haben die Betriebe mittlerweile zunehmend Schwierigkeiten, ihre Ausbildungsstellen zu besetzen.
Zwei Jahre Azubi gesucht
Nach Informationen der Bad Kreuznacher Agentur für Arbeit sind nach aktuellem Stand noch 279 Ausbildungsstellen im Kreis unbesetzt. Jürgen Bohrer, Teamleiter beim Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit in Bad Kreuznach, erläutert auf Nachfrage der AZ, dass dies einen Anstieg von knapp 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahr bedeute.
Der Kreis Bad Kreuznach folgt damit einem Trend auf Bundesebene: So stieg die Anzahl der unbesetzten Ausbildungsstellen um rund 10 000 auf insgesamt knapp 30 000 an.
Die Hauptursache für diese Entwicklung sieht Lenger im demografischen Wandel, der mit starken Geburtenrückgängen verbunden sei. Dies mache sich im Ausbildungsmarkt natürlich bemerkbar, unterstreicht er.
Der Ausbildungsmangel trifft einige Branchen besonders hart: „Vor allem die Gastronomie, der Verkauf im Einzelhandel sowie der technische Bereich bei Industrieberufen kämpft mit dem Nachwuchsproblem“, erläutert Lenger. Die Gründe hierfür liegen für den Experten auf der Hand: „Natürlich informieren sich die angehenden Auszubildenden über die Arbeitsbedingungen in ihrem möglichen Lehrberuf und da Wochenenddienste in der Gastronomie der Regelfall sind und es in der Produktion nicht selten laut und dreckig ist, möchten viele lieber im Büro arbeiten.“
Der Geschäftsführer des Bad Kreuznacher Restaurants und Hotels Kauzenburg, Carlo Weißkopf, weiß um die Probleme im Ausbildungsbereich: „Wir hatten dieses Jahr gerade einmal zwei Bewerbungen für den Beruf des Kochs. Die gegenwärtige Situation ist bei Weitem nicht vergleichbar mit der Situation vor einigen Jahren.“ Damals seien acht bis zehn Bewerbungen der Normalfall gewesen, erinnert sich Weißkopf. Den Hauptgrund für die mangelhafte Nachfrage sieht er in den Arbeitszeiten, die der Beruf mit sich bringt. Auch Thorsten Schneider, Koch in der Rheinhessenhalle in Hackenheim, suchte zwei Jahre nach einem passenden Azubi: „Zwar hatten wir viele Bewerbungen, aber die meisten Bewerber kamen nicht infrage für uns“, sagt er. Ähnliches berichtet Michael Assmann. Der selbstständige Installateur und Heizungsbauermeister in Weinsheim erhält lediglich ein bis zwei Bewerbungen pro Jahr. „Und die, die ich bekomme, kann man in die Tonne werfen“, sagt er und meint damit die mit Fünfen und Sechsen gespickten Zeugnisse der Bewerber. Assmann sieht das Problem auch in der geringen Bezahlung. So erhalte ein Anlagenmechaniker in Fachrichtung Sanitär, Heizung, Klima gerade einmal 250 Euro im ersten Lehrjahr. „Das ist für die meisten kein Anreiz“, ist er sicher. „In der Konsequenz“, sagt Assmann, „wird der Fachkräftemangel noch verstärkt und die Leute werden irgendwann wieder länger auf die Handwerker warten müssen.“
Nachwuchs aus Spanien?
Die Wirtschaft reagiert mit Gegenstrategien auf die Situation auf dem Ausbildungsmarkt. „Vor allem in Baden-Württemberg werden junge Leute aus dem Ausland angeworben, teilweise aus Osteuropa und vor allem aus Spanien“, berichtet Geschäftsstellenleiter Lenger. Zwar seien ihm ähnliche Fälle im Kreis Bad Kreuznach bislang nicht bekannt, aber für die Zukunft schließe er dies nicht aus. Des Weiteren sei es von zentraler Bedeutung, auch das Potenzial derer zu nutzen, die keinen Schulabschluss haben und damit früher für den Ausbildungsmarkt wenig interessant waren.
Weiter berichtet Lenger von einer „Quasi-Ausbildung“ in der häufig ungelernte Kräfte zu Betreuungsassistenten ausgebildet würden. „Sie erhalten eine medizinische Grundausbildung und werden dann in Alten- und Pflegeheimen eingesetzt, um das Pflegepersonal zu entlasten. Das Modell läuft erfolgreich“, berichtet Lenger.


