Alte Weinbau-Tradition blüht auf
13.11.2010 - BECHTHEIM
Von Nadine Herd
JUBILÄUM Bechtheim pflegt seit 75 Jahren Patenschaft mit Erfurt / Winzer erweitern „Wingert am Petersberg“
Der kleine Weinort Bechtheim feiert in diesem Jahr das 75-jährige Bestehen seiner Weinpatenschaft mit der thüringischen Landeshauptstadt Erfurt. Diese Verbundenheit hat den Zweiten Weltkrieg ebenso wie die Teilung Deutschlands überstanden und wird bis heute gepflegt. Dies ist vor allem dem Engagement der Bechtheimer Winzer zu verdanken, die in Erfurt einen Absatzmarkt für ihre Weine gefunden haben - und auch die ein oder andere Freundschaft.
Die Anfänge der freundschaftlichen Beziehungen reichen bis ins Jahr 1933 zurück. Sie waren allerdings nicht von Friedenssicherung und Völkerverständigung wie heutige Städtepartnerschaften motiviert, vielmehr gab die desolate Wirtschaftslage der 1930er Jahre für die Patenschaft den Ausschlag, die von der damaligen Regierung protegiert wurde. Um den durch die Wirtschaftskrise in ihrer Existenz bedrohten Winzern im Westen Deutschlands unter die Arme zu greifen, wurden Städte in Mittel- und Ostdeutschland dazu aufgefordert, Weinpatenorte zu finden.
Kontaktaufnahme im Rahmen der Weinwerbung
So nahm die Stadt Erfurt 1934 im Rahmen der Weinwerbung Kontakt mit den Bechtheimern auf. In dieser Zeit spürten die Bechtheimer die volle Härte der Inflation, und „der Wein lag quasi auf der Straße“, schilderte Anette Schilling im Heimatjahrbuch von 1988 die Situation. In dieser für die Winzer so schwierigen Zeit reisten zwei Erfurter nach Bechtheim: Einer war der Geschäftsführer des Hauses „Kossenhaschen“, dem eine große Gaststätte, der „Erfurter Hof“, angegliedert war. Diese kauften in Bechtheim den Wein auf und transportierten ihn per Lastwagen nach Erfurt. Dort wurde Bechtheimer Wein auf vielen Erfurter Weinkarten - die Flasche zu einer Reichmark - angeboten und wohl auch fleißig getrunken, denn dies sollte nicht die einzige Weinlieferung gen Osten bleiben.
Im Oktober 1935 im Rahmen der reichsweit ausgerufenen „Woche der deutschen Traube und des Weines“ wurde das „Patenkind Bechtheim“, so schrieb die Erfurter Zeitung, offiziell ,“getauft“ und ein „Bechtheimer Winzerfest“ im alten Ratskeller veranstaltet. Im folgenden Jahr nahmen Bechtheimer Winzer mit einem Pferdewagen, den eine riesige Weinflasche schmückte, am großen Festumzug in Erfurt teil und vertieften so die freundschaftlichen und wirtschaftlichen Beziehungen.
Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde die junge Freundschaft zwischen Bechtheim und Erfurt auf eine harte Probe gestellt - mit Ende des Krieges und der deutsch-deutschen Teilung brach zumindest vorläufig der Kontakt nach Erfurt ab.
Doch Mitte der 1960er Jahre erinnerten sich die „Heimattreuen Erfurter“ (siehe Infokasten) wieder an ihr Patenkind Bechtheim. Im November 1964 erneuerten sie die Partnerschaft mit Bechtheim und versammelten sich künftig stets am 10. und 11. November zur Feier des „Martins-Laternen-Fests“ nach Erfurter Art in Bechtheim. Die Bechtheimer nahmen die Erfurter gerne auf, Vereine und Schule steuerten ihren Beitrag zu einem gelungenen Fest bei.

