Von Silvia Dott
Im Falle eines des Anzeigenbetrugs angeklagten Unternehmer-Paars kündigt sich eine Wende an. Hatten die Angeklagten bislang konsequent geschwiegen, ließ der 35-Jährige jetzt die Tatvorwürfe pauschal über seinen Verteidiger einräumen. Für kommenden Dienstag wird auch ein Geständnis von seiner 34-jährigen Partnerin erwartet. Seit Ende Juli müssen sich der Friseur und die Verkäuferin vor der 1. Mainzer Strafkammer wegen Anzeigenbetrugs in 494 Fällen mit einer Schadenssumme von rund 750.000 Euro verantworten (die AZ berichtete).
Zwischen 2001 und 2004 soll sich das Paar mit seinem Offenheimer Verlag für Wirtschaftswerbung im großen Stil Werbeverträge erschwindelt haben. Nach Angaben von Zeugen ging das so: Die Angeklagten und ihre Telefonwerber ließen sich von Touristikzentralen Prospekte schicken und riefen dann dreist bei den Firmen an, die dort inseriert hatten. Man fragte, ob Interesse an einer Verlängerung oder an einer Beendigung des Vertrages bestehe und schickte Faxe. Hier sollten die Kunden ja oder nein ankreuzen. De facto war es aber ganz gleich, wofür sie sich entschieden, immer hatten sie einen neuen Zweijahres-Vertrag abgeschlossen.
Die vier Verteidiger hatten mit harten Bandagen gekämpft und immer wieder versucht, Ungereimtheiten und Widersprüche in den Akten zu finden. Unter anderem hatten sie - wenn auch erfolglos - den Vorsitzenden Richter Hans E. Lorenz, Richterin Annegret Werner und Staatsanwalt Wigbert Woog wegen Besorgnis der Befangenheit abgelehnt.
Eindeutige Beweise
Am jüngsten Verhandlungstag hatte die Kammer den Ermittlungsführer der Kripo Worms als Zeugen gehört. Der erfahrene 59-jährige Beamte leitete auch die Durchsuchung in dem Offenheimer Werbebüro. “Wir fanden dort exakte Anweisungen, wie sich die Akquisiteure am Telefon zu verhalten hatten", so der Polizist. Den Gesprächspartnern habe suggeriert werden sollen, sie hätten die Wahl, einen schon bestehenden Werbevertrag zu verlängern oder zu beenden. Die Computer der Firma wurden beschlagnahmt.
Vor der Durchsuchung des Büros habe man zudem alle Kontounterlagen des Offenheimer Verlags eingezogen. “Wir mussten ja die Namen der Geschädigten herausfinden." Alle habe man angeschrieben, ihnen Fragebogen geschickt und dann monatelang ausgewertet. “Ich habe keinen Fall gefunden, wo ein Vertrag erfüllt worden ist." Nach Einschätzung des Kripo-Beamten mit 40-jähriger Berufserfahrung ist die 34-Jährige die treibende Kraft der Firma. “Sie ist intelligenter als er. Wenn etwas Wichtiges zu tun oder zu entscheiden war, handelte sie", so der Ermittler. Sie sei es auch gewesen, die die Werber eingewiesen habe. Der Lebensstandard der Familie sei hoch gewesen. Man habe fünf Autos zur Verfügung gehabt. “Und alle, bis auf eins, waren bezahlt." Ein Urteil wird für kommenden Dienstag erwartet.

