Von Mirca Waldhecker
VERBUND Grundschule wagt "Blick über den Zaun"
Am
9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls, ereignete sich abseits der Kameras etwas für die gesamtdeutsche Schullandschaft Bedeutsames: In der Odenwaldschule, einer der traditionsreichsten reformpädagogischen Schulen Deutschlands, schlossen sich 20 Schulen im Schulverbund "Blick über den Zaun" (BüZ) zusammen.
Wechselseitige Besuche
Ziel war und ist es bis heute, durch regelmäßige wechselseitige Besuche, durch Tagungen und das Anwerben weiterer Schulen dazu beizutragen, dass Schulen im direkten Erfahrungsaustausch voneinander lernen. Über 100 reformpädagogisch orientierte Schulen aller Schulformen und -stufen, in staatlicher wie in freier Trägerschaft, arbeiten inzwischen im "Blick über den Zaun" bundesweit zusammen.
Besuch von Lehrern aus dem ganzen Bundesgebiet hatte in den vergangenen Tagen deshalb die Grundschule in Gau-Odernheim. Der Anlass: eins der zwei jährlichen Treffen des Arbeitskreises 9 des Schulverbunds.
Zum Arbeitskreis 9 gehören außer der Gau-Odernheimer Grundschule unter anderen die Montessori-Gesamtschule Saarbrücken, das Gymnasium Sanitz und die Sophie-Scholl-Schule Gießen.
Offenes Lehrkonzept
Insgesamt waren es 16 Lehrkräfte, die für drei Tage das Unterrichts-Geschehen in der Gau-Odernheimer Grundschule unter die Lupe nahmen. Und dabei gab es so einiges zu entdecken, denn die Grundschule setzt ein außergewöhnlich offenes Lehrkonzept um, bei dem beispielsweise die Schüler der Jahrgangsstufen
1 bis 4 den ganzen Tag zusammen in einem Raum lernen. Dabei können sich die Kinder ihre Arbeitsaufträge selbst aussuchen. Ihr Fortschritt wird anhand eines Lerntagebuchs kontrolliert.
Die hospitierenden Lehrer, zu denen auch Monika Klaaßen, Hiltrud Schäfer und Invield Helmer gehörten, konnten das Geschehen im Rahmen von Unterrichtsbesuchen, im Gespräch mit den Schülern und Lehrern und beim gemeinsamen Abendprogramm beobachten. Dabei agierten sie nach dem "Prinzip des kritischen Freunds" und orientieren sich an Fragen wie etwa "Wo sehen Sie noch Möglichkeiten, die Rolle des Lernbegleiters zu optimieren?" und "Wo sehen Sie noch Möglichkeiten zur Mitbestimmung der Kinder?". Durch die Rückmeldungen zu den pädagogischen Konzepten, zum beobachteten Unterricht und zum erlebten Schulalltag erhalten die Gastgeber von ihren "kritischen Freunden" wichtige Impulse zur Weiterentwicklung ihrer Arbeit - und die Besucher nehmen neue Anregungen in ihre Heimatschule mit.
Austausch verbessert Schule
Rektorin Susanne Rammenzweig-Fendel ist begeistert von dem Konzept: "Je mehr sich Schulen austauschen, umso besser kann Schule werden. Das Feedback von den Kollegen aus anderen Schulen bringt uns frische Ideen für den Alltag und schärft das Bewusstsein für die Belange der Kinder."
Die Besuchs-Kolleginnen Klaaßen, Schäfer und Helmer pflichteten der Schulleiterin bei: "Kinder sind unsere größten Schätze. Deshalb ist es ganz wichtig, dass sie im Mittelpunkt stehen und sie selbst viel Verantwortung übernehmen können".

