Von Martin Recktenwald
AUSWANDERER Gau-Odernheimer Johann Wendel Eisenbach fand in Amerika neue Heimat
In einem Klavier in Ohio wurde ein verstecktes Schriftstück gefunden: Es erzählt die Geschichte des rheinhessischen Auswanderers Johann Wendel Eisenbach. Politisches Engagement gegen die Obrigkeit hat schon manchem die Karriere ruiniert - das musste auch Eisenbach erkennen. Der Gau-Odernheimer Lehrer und Gemeindeschreiber war ein Freidenker, 1848 sah er mit der Revolution seine große Chance gekommen. "Er hatte sich schon einige Jahre zuvor von der Kirche losgesagt und war in der `deutsch-katholischen Bewegung` engagiert", berichtet Historiker Dr. Helmut Schmahl.
Eisenbach und seine Gesinnungsgenossen traten für ein Urchristentum ein - frei von Dogmen und kirchlichen Strukturen. Als die Revolution ausbrach, wurde in Gau-Odernheim der "Demokratische Verein" gegründet und Eisenbach wurde dort Sekretär. "Sie wollten Aufklärungsarbeit leisten, hatten dabei zumeist die lokale Politik im Visier", beschreibt Dr. Schmahl die Vereinsziele.
Bekanntermaßen scheiterte die Revolution - nicht zuletzt an der mangelnden Einigkeit unter den Gegnern des absolutistischen Systems. Auch der "Demokratische Verein" in Gau-Odernheim zerrieb sich zwischen Gemäßigten und Radikalen. Eisenbach wurde nach dem Scheitern des Frankfurter Paulskirchenparlaments von einigen Gau-Odernheimern denunziert und von der restaurativen Obrigkeit angeklagt. Vorgeworfen wurden ihm: obrigkeitsfeindliche Reden und Anstiftung dazu, das bestehende politische System zu beseitigen. Ferner habe er "Soldaten Wein gegeben, um sie zum Aufruhr zu bewegen", heißt es in der Anklageschrift. "Eisenbach schrieb eine 40-seitige Verteidigungsschrift und konnte offenbar alle Anklagepunkte entkräften", erzählt der Historiker. Zumindest behaupte dies das in Amerika verfasste Dokument, das in dem Klavier gefunden wurde.
Eisenbachs Karriere als Lehrer in Gau-Odernheim war jedoch beendet. Der Verlust seiner Arbeit mag einer der Gründe gewesen sein, warum er sich dafür entschied 1851 mit seiner Frau und den fünf Kindern in die USA auszuwandern. Die Familie ließ sich in Allen County (Ohio) nieder, in einer Gegend, die aufgrund ihres hohen deutschen Bevölkerungsanteils den Namen "Hessen-Ländche" trug. Der Auswanderer nannte sich dort John Eisenbach, wurde Farmer und gründete eine Privatschule. "Sein Klavier hatte er von Zuhause mitgenommen", erklärt Dr. Schmahl die Geschichte des Pianos. 1959 wurde auf der Basis des Textes im Piano über sein Leben ein Radio-Hörspiel verfasst. 1886 verstarb Johann Eisenbach im Alter von 76 Jahren. Keineswegs beweise diese Einzelgeschichte jedoch eine häufig geäußerte These, der Anstieg der Auswanderung aus Rheinhessen in den 1850er Jahren sei unmittelbar auf politisch Verfolgte der Revolutionszeit zurückzuführen, ist der Historiker überzeugt. "Der Anteil dieser Leute an der Gesamtzahl der Auswanderer war eher gering", meint er. Die weit verbreitete Armut dürfte die Auswanderung am stärksten befördert haben. "Gerade in den 1840er Jahren gab es viele Hungerwinter in Europa. Rheinhessen war davon zwar schwächer, aber dennoch spürbar betroffen", argumentiert Schmahl.
Weitere Geschichten von Auswanderern zeigt eine Ausstellung, die Dr. Schmahl in Kooperation mit der Atlantischen Akademie, der Landesregierung und den Museen in Kaiserslautern und Alzey konzipert hat. Die beiden Museen sind Veranstalter der Ausstellung: Derzeit ist "Aufbruch nach Amerika" in Kaiserslautern zu sehen, ab August in Alzey.

