Von Martin Recktenwald
ALZEY-WORMS. Rheinhessen heute: Die ideal erscheinende Kombination aus unmittelbarer Anbindung an das wirtschaftlich starke Rhein-Main-Gebiet und Wein-Landschaftsidyll. Für die Menschen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts sah die Lebenswirklichkeit freilich ganz anders aus. Arbeit gab es zu wenig, während die Bevölkerung weiter wuchs, und häufige Missernten ließen keinen Gedanken an Idylle aufkommen. Da erschien die Verheißung auf Glück in der "neuen Welt" für viele verlockend. In einer Serie stellt die AZ einige Amerika-Auswanderer vor.
Rheinhessische Spuren finden sich noch heute in den USA. Beim intensiven Blick auf die Landkarte von Pennsylvania sind Städte wie Mentz, Oppenheim, Worms und dreimal Bingen zu entdecken. Auch ein Alzey gab es früher einmal. "Es versank jedoch im Ohio", sagt Dr. Helmut Schmahl.
Der Historiker ist Privatdozent an der Universität Mainz und forscht seit Jahren zum Thema "Massenauswanderung aus Rheinland-Pfalz". Zusammen mit der Atlantischen Akademie und der Landesregierung hat er eine Ausstellung zusammengetragen, die zurzeit in Kaiserslautern zu sehen ist. Ab August wird "Aufbruch nach Amerika" dann im Museum Alzey zu sehen sein.
Die erste große Wander-Welle lief in den Jahren 1706 bis 1709 - 120 000 Menschen verließen damals Rheinhessen gen Amerika. Unter ihnen der 32-jährige Winzer Arnold Falck aus Spiesheim. Er reiste 1709 mit seiner Frau Elisabetha und zwei kleinen Kindern zunächst nach London. Dort warteten sie längere Zeit in einem Flüchtlingslager auf ihre Weiterfahrt. Erst im Juli 1710 wurde die Familie in die Kolonie New York verbracht. Dort, in der Nähe von Kingston am oberen Hudson River, wurden ihnen drei weitere Kinder geboren.
Andere Auswanderer aus dem Alzeyer Raum hatten weniger Glück. Sie wurden nicht - wie es ihnen die seit geraumer Zeit in der Region verteilten Werbeprospekte versprochen hatten - in die Großstadt New York gebracht. Die Kapazität der Segelschiffe reichte schlicht nicht aus. "Die englische Krone hatte gezielt in deutschen Ländern für die Auswanderung geworben, die Nachfrage war weit größer als erwartet", sagt Dr. Schmahl. So wurde die Familie des mit Falck befreundeten Lutheraners Johannes Dolmetsch aus Framersheim in Rathkeale im katholischen Irland angesiedelt, wo sie auf Wunsch der englischen Regierung das "protestantische Element stärken sollten". Nachkommen der weit verzweigten Familie leben noch heute unter dem Namen Dolmage im County Limerick.
Über die meisten Auswanderer aus dem Alzeyer Raum, die 1709/1710 in die Kolonie New York kamen, ist sehr wenig bekannt. Viele von ihnen arbeiteten als Pächter auf Gütern englischer Siedler, andere betrieben kärglichen Ackerbau auf gerodeten Waldland.
Einige wenige deutsche Siedler schafften aber tatsächlich einen Karrieresprung. Sie erhielten Ämter von der britischen Kolonialregierung. Zu ihnen gehörte Johann Mittler aus Partenheim, der in Dutchess County lebte. Dort war er 1728 Aufseher der Straße, die die deutschen Siedlungen mit der Stadt Albany und anderen Absatzmärkten verband, und wurde 1731 Landvermesser.

