Montag, 13. Februar 2012 02:00 Uhr
URL: http://www.allgemeine-zeitung.de/region/alzey/alzey/7425992.htm

Allgemeine Zeitung

Alzey 

"Morgenstunde" im Alzeyer Museum am Europäischen Tag der jüdischen Kultur

10.09.2009 - ALZEY

Zu einer "Morgenstunde" hatte das Alzeyer Museum am Europäischen Tag der jüdischen Kultur eingeladen. Die rote "Chuppa", der Brauthimmel, unter dem jüdische Hochzeiten vollzogen werden, prangte auch von den Plakaten für diese Veranstaltung. Sie stammt von einem Objekt, das in der neu gestalteten jüdischen Abteilung des Museums im Erdgeschoß zu sehen ist: der Beschneidungswimpel des Alzeyer Dichters Karl Schloß (1876 - 1944).

In einem weit ausholenden Vortrag mit zahlreichen Illustrationen führten Renate Rosenau aus Alzey und der Museumsleiter Dr. Karneth an das Thema "Jüdische Hochzeit -Familienbande im Alzeyer Land" heran. Nach einem Schnelldurchgang durch die allgemeine jüdische Geschichte kamen die Alzeyer jüdischen Familien und ihre Verbindungen untereinander ins Blickfeld. In einer Datenbank sind bereits über 700 Personen erfasst. Interessant war dabei die Aufschlüsselung, wohin in der näheren und weiteren Umgebung geheiratet wurde. Dabei fällt auf, daß die Männer meistens Frauen aus dem Ort heiraten, während die Bräute sich häufig in der Umgebung oder in ferneren Orten vermählten.

Wobei in früheren Zeiten wirtschaftliche Gesichtspunkte eine wesentliche Rolle für eine Eheverbindung spielten. Dies war im jüdischen Bereich besonders ausgeprägt, da man - zumindest bis ins 20.Jahrhundert - fast ausschließlich innerhalb der eigenen Gemeinschaft heiratete. Dabei kam es - bei der geringen Anzahl von Juden - häufig zu Verbindungen innerhalb von Verwandtschaften. Beim Zustandekommen von Ehen spielte der "Schadchen" (Ehevermittler) eine wichtige Rolle, denn er wußte, wo es eine "gute Partie" gab. Interessant war auch, daß es andererseits Stiftungen für mittellose Mädchen oder Frauen gab, die ihnen die Hochzeit ermöglichten. Zu dieser Thematik passte sehr gut ein jiddisches Lied ("wos dos Mejdele will?"), gesungen von Renate Rosenau und Roswitha Gelzleichter.

Die Voraussetzungen und Vorbereitungen zur Hochzeit sowie der Ablauf und die Rituale des Festes wurden dann ausführlich geschildert und erklärt. Die Chuppa kann in oder im Umfeld der Synagoge aufgestellt sein, aber auch an einem anderen Ort. Unter den Brauthimmel werden Braut und Bräutigam getrennt geleitet. Beide haben ihren Kopf bedeckt, die Männer mit der Kippa; der Bräutigam hat auch den Gebetsmantel umgelegt. Sie stecken sich dann die (oft sehr prächtigen) Hochzeitsringe an und der Mann bekennt sich zu seinen in einem Ehevertrag (Ketuba) festgelegten Pflichten. In der Ketuba sind die Rechte der Frau festgehalten, auch für den Fall einer Scheidung, die im jüdischen Recht bei Einverständnis beider Seiten durchaus möglich ist. Dann wird der erste gemeinsame Becher Wein unter Segenssprüchen gereicht und danach das Weinglas zertreten oder gegen den Hochzeitsstein geworfen - zur Erinnerung an die Zerstörung des Tempels und an die Zerbrechlichkeit allen Glücks. Danach ziehen sich die Vermählten für kurze Zeit zurück und dann beginnt das Hochzeitsmahl und das Fest, wobei viel gegessen und getrunken und getanzt wird.

In Bezug auf Sitten und Gebräuche bei der jüdischen Hochzeit wies Frau Rosenau immer wieder darauf hin, daß es große regionale Unterschiede gibt, vor allem aber auch dadurch, ob sich die beteiligten Personen und Familien der orthodoxen, konservativen oder liberalen Richtung des Judentums zugehörig fühlen. Dr. Karneth berichterte, daß es allgemein schwierig ist, Berichte und Informationen aus dem christlichen Umfeld über jüdische Hochzeiten und andere Gebräuche zu bekommen. Obwohl die Juden hier sehr gut integriert waren, war die Kenntnis ihrer religiösen und kulturellen Riten und Sitten gering. (Wobei nicht vergessen werden darf, daß bis vor nicht allzu langer Zeit die Kommunikation zwischen den christlichen Konfessionen auch sehr beschränkt war - übrigens auch das Heiraten untereinander!).

Übereinstimmend aber wird von Außenstehenden berichtet, daß es bei jüdischen Hochzeiten sehr laut und fröhlich zugegangen sei. Gerade wegen der wenig verbreiteten Kenntnis der Sitten und Gebräuche des Judentums ist es erfreulich, daß das Museum in Alzey seine jüdische Abteilung vergrößert hat und immer wieder in Veranstaltungen Einblicke in die jüdische Welt und in die Geschichte der Juden in unserer Gegend vermittelt - besonders am alljährlich am ersten Septemberwochenende stattfindenden Tag der jüdischen Kultur.

An das Alzeyer Kaufhaus Levi erinnern diese Gegenstände, die das Museum in seinem Fundus hat: ein Reisebecher von Firmengründer Moses Levi, ein Notizblock und das Menü zum Kaufhausjubiläum. Foto: Axel Schmitz

An das Alzeyer Kaufhaus Levi erinnern diese Gegenstände, die das Museum in seinem Fundus hat: ein Reisebecher von Firmengründer Moses Levi, ein Notizblock und das Menü zum Kaufhausjubiläum. Archivfoto: Axel Schmitz


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