Auf der Spur des Korsen
03.04.2010 - VORHOLZ
Von Thomas Ehlke
GESCHICHTE Napoleonkult vor 200 Jahren auch im Alzeyer Land lebendig
VORHOLZ. Beige-braun schimmert der Sandstein des dreieckigen Obelisken gegenüber des Forsthauses Vorholz in der Frühlingssonne. Spaziergänger bleiben vor dem Monument stehen, das an die Hochzeit Napoleons mit der österreichischen Erzherzogin Marie Louise am 1. April vor 200 Jahren erinnert. Der Napoleonstein ist Zeichen eines monströsen Personenkults um den französischen Herrscher, der seinerzeit auch im Alzeyer Land eine Blüte erlebte.
Seit 1797 gehörte das heutige Rheinhessen zum französischen Departement Donnersberg. "Bilder des Kaisers und seiner Frau befanden sich auch in Alzey und vielen Orten der Gegend als Wandschmuck in Privathäusern und auf Gegenständen des täglichen Gebrauchs wie Geschirr oder Pfeifenköpfen", weiß Dr. Helmut Schmahl. Der in Ober-Flörsheim lebende Historiker und Dr. Rainer Karneth, Leiter des Alzeyer Museums, haben sich intensiv mit dem Napoleonkult in der Region beschäftigt. Abgesehen von dem Gedenkstein im Vorholz finden sich weitere Spuren der regionalen Verehrung des Korsen, wie etwa jener Fassboden, der im Hof der Alzeyer Poppenschänke hängt und auf dem das Konterfei Napoleons und seiner Gattin abgebildet ist. Einige Objekte aus der napoleonischen Zeit sind im Alzeyer Museum zu sehen. Die Kaiserstraße in der Volkerstadt erinnere laut Schmahl noch heute an ihren Erbauer Napoleon.
Drei Besuche in der Volkerstadt
Der Korse hat die Volkerstadt mindestens dreimal besucht. Bei der Bevölkerung erfreute er sich großer Beliebtheit. "Das erstaunt nicht angesichts der Tatsache, dass die von ihm erlassenen Gesetze den Bewohnern weitgehende Freiheiten gebracht hatten und der Bau der bis heute nach Napoleon benannten Kaiserstraße von Paris über Alzey nach Mainz einen tiefgreifenden Aufschwung des Handels bewirkte", verdeutlicht Dr. Helmut Schmahl.
Zu den bis dato nicht gekannten Freiheiten zählte unter anderem, dass Gerichtsverhandlungen öffentlich und mündlich geführt wurden. Schmahl: "Nicht weniger wichtig waren die bürgerlichen Rechte wie Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz, Gewerbefreiheit, Religionsfreiheit, unbeschränkte Teilbarkeit landwirtschaftlicher Güter, freie Niederlassungs- und Verehelichungsmöglichkeiten sowie die Zivilehe."
Original im Sobernheimer Freilichtmusuem
Zurück zum Napoleonstein. Er wurde noch im Jahr 1810 aufgestellt - und zwar an jener Stelle im Vorholz, wo heute eine Kopie steht. Das stark verwitterte Original ist aus konservatorischen Gründen in einer Scheune des Sobernheimer Freilichtmuseums "eingemottet". Für die weit verbreitete Annahme, der Stein sei ursprünglich auf dem Alzeyer Roßmarkt aufgestellt worden, gibt es laut Dr. Karneth keine Belege. Auf den drei Seiten des Steins wird in drei Sprachen (Deutsch, Französisch und Latein) an die "glückliche Heurath Napoleon des Grosen mit Maria Louise" erinnert. Über die Entstehung des Obelisken gibt es zahlreiche Legenden - der Name des Steinhauers ist bis heute u0nbekannt.
Nach dem Sturz des Korsen im Jahr 1814 nahm der Napoleonkult ein jähes Ende. Einige Jahrzehnte danach entstand indes ein neuer Kult, der von Veteranenvereinen gepflegt wurde. Von der Verehrung der Soldaten für ihren Feldherrn zeugen Denkmäler auf den Friedhöfen von Alzey, Flonheim und anderen Orten der Region.

