Von Anja Reumschüssel
Reichspogromnacht hinterließ in Alzey und Umgebung tiefe Spuren
ALZEY. Die jüdische Gemeinde in Alzey hat eine lange Geschichte. Schon Anfang des 14. Jahrhunderts hat es sie gegeben. Bis in die heutige Zeit reichen die Spuren, die von Deutschen jüdischen Glaubens gelegt wurden. Wir stellen das "Jüdische Alzey" in einer Serie vor. Heute geht es um die Reichspogromnacht 1938.
Es sollte aussehen wie ein spontaner Racheakt der Bevölkerung wegen des Mordes an einem deutschen Beamten durch einen jungen Juden. Doch unterschwellig waren viele Fäden gezogen worden, die von der Spitze der Partei bis zur Dorfpolizei reichten. Auch die Alzeyer Polizei wurde von der Gestapo-Zentrale in Berlin angewiesen, während der "Reichskristallnacht" und den damit verbundenen Übergriffen gegen Juden lediglich bei Plünderungen einzuschreiten. Die Nacht selbst war vermutlich noch ruhig in der Volkerstadt.
Jüdisches Alzey
Erst am 10. November 1938 begannen auch in Alzey die Angriffe. Liselotte Rosenthal musste mit ihren drei Kindern vor mehreren Männern fliehen, die mit der Zerstörung jüdischen Eigentums im Herzen der Gemeinde, in der Synagoge begannen. Wie in den meisten anderen Städten Deutschlands waren auch die Ausschreitungen in Alzey zentral organisiert. Männer, vermutlich von der SA, aus umliegenden Orten wurden nach Alzey gebracht. Sie kannten sich aus in der Stadt, doch nur wenige Einwohner kannten sie. Schnell haben sich daraufhin Einheimische an der Zerstörung beteiligt, bestehende Hemmungen waren rasch überwunden, in der Masse ging man unter.
Offenbar waren auch Jugendliche im Laufe des Tages an der Zerstörung der Synagoge beteiligt. Was brennen konnte, wurde verbrannt. Mit ihren Kindern, mit Mutter und Bruder versteckte sich Lieselotte Rosenthal in einem nahegelegenen Stall. Nachbarn versorgten die verstörten Menschen mit Nahrung. Nicht jeder war mit dem Hass gegen die jüdischen Nachbarn einverstanden.
Doch nicht viele dachten so. "Die Zerstörungswut machte auch vor den beiden Gedenktafeln für die jüdischen Alzeyer nicht halt, die im Weltkrieg ihr Leben für das Vaterland geopfert hatten", weiß Dr. Dieter Hoffmann, Experte für jüdisches Leben in Rheinhessen, zu berichten. Gerade diese Respektlosigkeit machte manchem Juden stark zu schaffen. Anders als so viele Synagogen in Deutschland wurde die Alzeyer Synagoge nicht abgebrannt.
Erst nach dem Krieg wurde das Gebäude abgerissen. Heute erinnert hier eine Gedenktafel an die während der Nazizeit ermordeten Juden Alzeys. In Wallertheim dagegen brannte die Synagoge, in Wöllstein wurde sie zerstört. In Framersheim, Dittelsheim, Heßloch und anderen umliegenden Dörfern wurden jüdische Wohnungen geplündert, wogegen selbst die nationalsozialistische Obrigkeit kaum noch einschreiten konnte. In Wallertheim wurde der 94-jährige Abraham Mann tödlich verletzt, in Wöllstein wurde Adolf May, dem Schächter der jüdischen Gemeinde, die Kehle durchgeschnitten. Verurteilt worden ist niemand. Nach den Taten ging jeder wieder seiner Wege. Ahndungen gab es keine. Neun Alzeyer, die sich 1952 für ihre Teilnahme an den Pogromen verantworten sollten, wollen unbeteiligt gewesen, lediglich zugesehen haben.

