Von Kathrin Damwitz
Alzeyer Familien Levi und Oppenheimer wurden im NS-Reich boykottiert und verschleppt
ALZEY. Die jüdische Gemeinde in Alzey hat eine lange Geschichte. Schon Anfang des 14.Jahrhunderts hat es eine jüdische Gemeinde gegeben. Bis in die heutige Zeit reichen die Spuren, die von Deutschen jüdischen Glaubens gelegt wurden. Wir stellen das "Jüdische Alzey" in einer Serie vor.
Jüdische Familien bereicherten das geschäftliche und kulturelle Leben in Alzey, sie waren in die Gemeinschaft integriert, bevor die Nationalsozialisten an die Macht kamen und die Ausgrenzung und Vernichtung der Juden begann. So organisierte etwa der "Verein für jüdische Geschichte und Literatur" Anfang des 20. Jahrhunderts Vorträge. Themen waren unter anderem "Jüdische Maler und Bildhauer" (April 1904); in den Anzeigen hieß es: "Eintritt frei, Gäste willkommen".
Jüdisches Alzey
Die Familie Levi war eine einflussreiche jüdische Familie, die sich auch politisch engagierte. Adolf Levi, der Inhaber des größten, 1853 von Moses Levi gegründeten Alzeyer Kaufhauses, wurde 1915 Erster Beigeordneter. Sein Sohn Karl führte das Kaufhaus weiter, fungierte Ende der zwanziger Jahre als Vorsitzender des "Vereins Alzeyer Kaufleute".
Über 60 Beschäftigte hatte das Warenhaus; Karl Levi ließ den Armen in der Stadt im Winter kostenlos Kohlen bringen, regelmäßig kleidete er die Kinder von Bedürftigen zu Beginn der kalten Jahreszeit neu ein. Am Tag des Boykotts von Geschäften mit jüdischen Inhabern 1933 sperrten SA-Männer den Zugang zum Kaufhaus Levi ab. Karl Levi kam auf die Straße, protestierte gegen die Sperrung und hatte sich sein Eisernes Kreuz Erster Klasse aus dem Weltkrieg an die Brust geheftet. Es nutzte nichts - in den Folgejahren ging der Jahresumsatz der Firma Levi rapide zurück, die Boykottaufrufe fruchteten. Im August 1938 musste Levi das Gebäude und große Firmengelände weit unter Preis verkaufen. Am 20. Dezember 1938 emigrierte er schließlich in die USA. Er starb 1985 mit 94 Jahren in New Jersey.
Simon Oppenheimer aus Alzey war "Agent für Tabakwaren, Versicherungen und Handelsgeschäfte", doch 1938 konnte auch er nicht mehr arbeiten - er hatte im September seine Legitimationskarte abgeben müssen. Verzweifelt beantragte er beim Reichswirtschaftsminister, die Karte noch bis zur Auswanderung in die USA behalten zu dürfen - andernfalls habe er kein Einkommen mehr.
Er, seine Frau Henriette (geb. Schwarz) und seine Schwägerin hatten bereits eine Wartenummer vom amerikanischen Konsulat. Doch seine Bitte verhallte ungehört. Am 10. November, unmittelbar nach der Reichspogromnacht, kam er in Haft ins Konzentrationslager Buchenwald. Nach seiner Entlassung zog Oppenheimer mit seiner Frau nach Frankfurt, wurde von dort nach Lodz deportiert, wo er ums Leben kam.
Die Serie ist auch im Internet zu finden unter: http://www.az-alzey.de/region/serie/juedischesalzey

