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Allgemeine Zeitung

 

Überfällig oder Unsinn?

28.12.2007

Von Lore Seeger

An spezieller Knieprothese für Frauen scheiden sich die Geister

und Thomas Kärst Lange Zeit wurden Frauen und Männer trotz ihres unterschiedlichen Körperbaus von der Medizin weitgehend gleich behandelt. Doch sehen viele Fachdisziplinen Unterschiede, zum Beispiel die Orthopäden: Ein künstliches Kniegelenk speziell für Frauen soll den weiblichen Körperbau berücksichtigen. Während manche Mediziner dies als Fortschritt feiern, sehen Kritiker im "Frauenknie" nur eine Marketing-Idee. Tatsächlich scheint die Situation bisher absurd: "Obwohl schon immer mehr weibliche als männliche Patienten weltweit mit künstlichen Kniegelenken versorgt wurden, waren bisher die Prothesen mehr auf die Anatomie des Mannes abgestellt", sagt der Orthopäde Steffen Oehme. Allein in Deutschland erhielten 2006 mehr als 125000 Patienten eine Knie-Totalendoprothese. 69 Prozent davon sind Frauen, nur 31 Prozent Männer. Ursachen für einen Knieersatz können Unfälle sein oder Arthrose. Zu einem Gelenkverschleiß tragen auch Übergewicht und fehlende Bewegung bei, sagt Oehme. Meist sind Senioren betroffen: Laut der Bundesgeschäftsstelle für Qualitätssicherung waren 75 Prozent der im Jahr 2006 operierten Kniegelenk-Patienten zwischen 60 und 79 Jahre alt. Entwickelt wurde das "Frauenknie" von einem US-Unternehmen, nach eigenen Angaben Weltmarktführer für orthopädische Produkte. Die Grundlage lieferte nach Unternehmensangaben ein US-Wissenschaftler. Mohamed Mahfouz von der Universität von Tennessee in Knoxville erstellte 2006 einen geschlechtsspezifischen Knochenatlas, der unter anderem die anatomischen Unterschiede des Frauenknies verdeutlichte. Demnach ist das weibliche Knie schmaler und eher trapezförmig, während das männliche eine rechteckige Form habe. Ferner zeige das Frauenknie an der Vorderseite meistens eine geringere Knochendicke als beim männlichen Pendant. Außerdem verlaufe wegen des breiteren weiblichen Beckens die Verbindungslinie vom Hüft- zum Kniegelenk schräger als bei Männern, was die Führung der Kniescheibe beeinflusst. "Der Unterschied des neuen Frauenknies liegt auch in feinen Änderungen der Geometrie der Oberschenkelkomponente", erläutert Oehme. Diese sei den anatomischen Besonderheiten vieler weiblicher Oberschenkelknochen besser angepasst, ohne dass die gesamte Funktion des Gelenkes verändert werden musste. Frauen, die in den vergangenen Jahren schon eine Knieendoprothese erhalten hatten und nun auf der zweiten Seite mit dem neuen Gelenk versorgt wurden, hätten übereinstimmend von einem angenehmeren "Körpergefühl" mit dem neuen Gelenk gesprochen. Die Unterschiede zwischen Männer- und Frauenknien seien marginal, kontert Daniel Frank vom Beirat der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC). "Natürlich sind nicht alle Knie gleich gebaut", sagt der Chirurg. Doch dafür hätten Operateure schon jetzt eine ganze Serie von Kniegelenken zur Verfügung. Das Frauenknie sei allenfalls ein "Marketing-Instrument" des Herstellers. So gebe es trotz der großen Zahl von Prothesen bei Frauen keine Hinweise darauf, dass die bisher verwendeten Implantate größere Probleme verursacht hätten. "Allenfalls bei einem Promillesatz von Frauen mag das der Fall gewesen sein", sagt Frank.


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