Von Nikolaus Furch
Gedenken an Reichspogromnacht / Gang der Erinnerung durch Kirn
Trotz des kalten November-Niesel-Wetters fanden sich in der evangelischen Kirche viele Besucher zum ökumenischen Gottesdienst im Gedenken an die unheilvollen Geschehnisse der Reichspogromnacht ein. Am 9. und 10. November 1938 gab es den Auftakt zu unsäglich Schrecklichem auch in Kirn. Es war am Sonntagabend - 70 Jahre später - ein würdiges Gedenken in solidarischer Gemeinsamkeit der Kirchen. Pfarrer Michael Zeh und die Gemeindereferentin der katholischen Gemeinde Monique Frey erinnerten an die schlimmen Ausschreitungen, die auch in Kirn ein Schreckens-Abbild hinterließen. Heilige Schrift Die Lektorinnen der evangelischen wie katholischen Gemeinde - Doris Zahn beziehungsweise Carmen Teschner - verlasen Stellen der Heiligen Schrift, die Bezug nehmen sowohl auf den jüdischen wie den christlichen Glauben. Hier waren es die religionsstiftenden altehrwürdigen Zehn Gebote des Alten Testaments wie die auf das versöhnende und heilsgeschichtliche Wirken Jesu hinweisenden Abschnitte im Lukas-Evangelium. Die Synagoge selber ist der Ort übergreifenden Glaubens. Pfarrer i.R. Emil Cauer verwies eindringlich auf diesen Ort, in dem die Thora-Rolle mit den Grund-Geboten beider Religionen ihren Platz hat, aber an zahllosen Orten in der Pogromnacht geschändet wurde. Thora-Rolle, Synagoge und der bedrückende Bericht eines deutschen Juden, eines damaligen Gemeindesekretärs einer israelitischen Gemeinde und in Mitleidenschaft gezogenen Zeitzeugen, erschienen als beeindruckende Abbildungen auf einer Leinwand. Einen wesentlichen Teil der Liturgie übernahm Pastor Heinz-Erhardt Griethe, der Gebete und Bitten aus dem bewegenden jüdischen Achtzehnbittengebet aussprach. Psalmen, als Gebete bei Juden und Christen verinnerlicht, folgten. Kirchenmusiker Jürgen Huppert fügte an der Schuke-Orgel glaubensübergreifende Zeugnisse der Musik hinzu, von Johann Sebastian Bach und dem großen deutschen Komponisten jüdischer Abstammung Felix Mendelssohn-Bartholdy. Mit dem ergriffen und gemeinsam gesungenen Kanon "Dona nobis pacem..." und den von den Geistlichen gemeinsam gesprochenen Segensworten schlossen Erinnerung und Gedenken. 46 Kirner Opfer Danach schlossen sich viele Gottesdienstbesucher einem Gang der Erinnerung an, der zu ehemaligen Wohnstätten einiger der insgesamt 46 Kirner Opfer des Holocaust führte. Alle, die mitgingen, trugen hier als Hoffnungszeichen ein Windlicht bei sich. An den einzelnen Stationen wurden auf einzelne Opfer bezogene Worte gesprochen. Opfernamen Eine in ihrem Ernst und Gewicht würdige Verlesung aller Opfernamen übernahmen an der Gedenktafel zwischen Neuer Straße und Langgasse - bei gesammelter Stille aller Anwesenden - Pfarrer Zeh und Pastor Griethe im Wechsel. Das gleichsam in geschichtsträchtigem Sinn angezeigte und gesprochene jüdische Gebet "El male rachanim" ("Gott voller Erbarmen") vereinte Lebende und Tote.

