Von Herbert Heil
Umsatz bricht weltweit ein / Vor allem Raubkopien und die Tauschbörsen verderben das Geschäft
BERLIN Die Musikindustrie steckt in einer tiefen Krise. Seit Jahren kämpft sie mit Umsatzrückgängen, deren Ursachen die Konzerne vor allem in Raubkopien und Tauschbörsen sehen.
19,4 Milliarden Dollar sind im vergangenen Jahr weltweit im Tonträgergeschäft umgesetzt worden. Das entspricht einem Rückgang von acht Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Damit fielen die Verluste deutlicher aus als in den auch nicht gerade erfolgreichen Vorjahren, als "nur" fünf Prozent (2006) und drei Prozent (2005) weggesteckt werden mussten. Betrachtet man ausschließlich den so genannten physischen Markt, also die tatsächlich verkauften Tonträger ohne den legalen Online-Musikhandel, wurden 2007 sogar 13 Prozent weniger eingenommen. Die Zuwächse im Digitalgeschäft konnten das Minus längst nicht kompensieren. Dieses macht nur 15 Prozent des Gesamtmarktes aus. Silberling vor dem Ende Die deutsche Phonowirtschaft ist mit rund vier Prozent Umsatzrückgang noch mit einem blauen Auge davongekommen. Am stärksten sind die Einbrüche im vergangenen Jahr in Brasilien (minus 25 Prozent), Spanien (minus 20) sowie Frankreich und Italien (jeweils minus 17 Prozent). Der Musikindustrie laufen weltweit die CD-Käufer davon. Falls sich der Negativtrend in den kommenden Jahren fortsetzt, kann man davon ausgehen, dass der Silberling, der kürzlich erst 25 Jahre alt wurde, seinen fünfzigsten Geburtstag mit Sicherheit nicht mehr erleben wird. Hinzu kommt eine weitere unrühmliche Entwicklung im Bereich der Künstler. Reihenweise wenden sich Interpreten von ihren Firmen ab, darunter Topstars wie Madonna oder Radiohead. Sie gehen sogar soweit, dass sie ihre aktuellen Alben im Internet anbieten, meist sogar gratis, wie jüngst bei der US-Band Nine Inch Nails geschehen. Inzwischen kämpft die Musikindustrie mit harten Bandagen, um die Umsatzeinbußen in den Griff zu bekommen. Klagen, Schadenersatzforderungen und verschärfte Urheberrechtsgesetze stehen als Instrumentarium zu Verfügung. Analysten des Marktforschungsinstituts von Jupiter Research schätzen dennoch die Zukunft weiter düster ein. Den Hauptgrund für die kommende Verschärfung der Krise sehen die Marktforscher in dem Tatbestand, dass bald die Hälfte der 15- bis 24-Jährigen P2P- Börsen - also illegale Tauschbörsen - nutzen. Dies habe zur Folge, dass diese Anwender den Wert der Musik nicht mehr einschätzen können und auch nichts zahlen wollen. Jugendliche halten dem Report zufolge CDs für irrelevant, sind der Meinung, dass sie keinen entsprechenden Gegenwert für ihr Geld erhalten und bevorzugen es, CDs zu kopieren, anstatt zu kaufen. Die deutsche Musikbranche geht unterdessen massiv gegen illegales Herunterladen von Musik im Intenet vor. Wie der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft mitteilte, wurden seit Jahresbeginn 25 000 Strafanzeigen erstattet. Etwa eine Milliarde Euro, so schätzt der Verband, gehen der Musikindustrie jährlich verloren, weil vorwiegend junge Leute sich auf illegalem Weg Kopien von Musiktiteln besorgen. Viele Kritiker werfen der Branche unterdessen vor, zu spät auf den Zug der legalen Musikangebote im Internet aufgesprungen zu sein. Dennoch sieht die deutsche Musikbranche für die Zukunft nicht schwarz. Mit rund 9 000 Beschäftigten wurde 2007 ein Umsatz von knapp 1,65 Milliarden Euro erzielt. Dabei ist der Tonträgerumsatz leicht um 3,2 Prozent zurückgegangen. Download-Absatz steigt Laut Bundesverband der Phonographischen Industrie bleibt die CD mit 81 Prozent Anteil mit Abstand der größte Umsatzträger. Insgesamt nahezu 149 Millionen Silberscheiben wurden verkauft. Der Downloadabsatz stieg um nahezu 40 Prozent. Wie es weiter heißt, kommen auf einen legalen noch immer fast zehn illegale Downloads. Die Musikfans in Deutschland - so wurde ermittelt - haben zirka 20 Milliarden Musikdateien auf PCs, MP3-Playern und Handys gespeichert. Inzwischen wird ein Viertel aller Musikprodukte über das Internet vertrieben. Elektrofachmärkte registrieren einen Umsatzanteil von rund 30 Prozent. Plattenläden, so der Verband, verlieren weiter an Bedeutung. Die meisten Musikkäufer sind in der Altersgruppe von 30 bis 39 Jahren zu finden. Dass Totgesagte oft länger leben als prognostiziert, beweist auch die LP. Sie hat sich seit Jahren in einer Nische eingerichtet, profitierte 2007 von der allgemeinen Retro-Welle und steigerte ihren Absatz sogar leicht um 100 000 auf insgesamt 700 000 Exemplare.

