"Feigheit und Verbrechen" - Demonstration vor Sarrazin-Rede in Mainz
02.01.2011 - MAINZ
Von Frank Schmidt-Wyk
Friedlich und fröhlich haben rund 300 Menschen am Sonntagnachmittag in der Innenstadt gegen den Auftritt von Thilo Sarrazin bei der Mainzer Ranzengarde im Kurfürstlichen Schloss demonstriert. Dass Sarrazin gar nicht gekommen war, um seine umstrittenen politischen und gesellschaftlichen Thesen zu vertreten, sondern bloß anlässlich der Verleihung des „Ranzengardebrunnens“ die Laudatio auf den diesjährigen Preisträger Lars Reichow hielt, war nicht weiter von Interesse: Die Demonstranten wollten schlichtweg signalisieren, dass einer wie Sarrazin nicht von allen Mainzern willkommen geheißen wird. Das Buch wirklich gelesen zu haben, war für viele Demonstranten zweitrangig. Auf die Debatte kam es ihnen an. Aufgerufen zu der Demonstration hatten zahlreiche Verbände, Vereine, Institutionen und Parteien, darunter die Grünen, die Linke, der Asta der Uni Mainz oder die DGB-Jugend.
Gegen 15 Uhr strömten die Protestler zunächst vor dem Hauptbahnhof zusammen, eine halbe Stunde später setzte sich der Demonstrationszug in Bewegung, über Münsterplatz, Große Bleiche, Bauhofstraße, Kaiserstraße und Ernst-Ludwig-Straße ging es zum Schloss. In Absprache mit dem polizeilichen Einsatzleiter, Polizeihauptkommissar Jörn Grünhagen, war die Route kurzfristig noch geändert worden, weil die Diether-von Isenburg-Straße wegen Baucontainern derzeit ein Engpass ist. Einige Teilnehmer waren fastnachtlich verkleidet und somit dem Aufruf der Grünen gefolgt, die Demonstration auch als närrisch angehauchten Umzug zu zelebrieren.
"Teile der Gesellschaft mit Sarrazin nicht einverstanden"
Die gesamte Zeit über blieb der Protest friedlich und ausgelassen– auch als die Demonstranten gegen 16.30 Uhr in der Diether-von-Isenburg-Straße vor dem Seiteneingang des Schlosses Stellung bezogen. Allerdings mussten sich einige Ranzengardisten und sonstige Besucher der Veranstaltung neben einem ohrenbetäubenden Trillerpfeifenkonzert auch vereinzelte Beschimpfungen gefallen lassen, als sie sich auf dem Weg vom Parkplatz zum Haupteingang durch den Pulk der Sarrazin-Gegner kämpften.
„Wir wollen keine Blockade und Randale, sondern zum Ausdruck bringen, dass Teile der Gesellschaft nicht mit Sarrazin einverstanden sind“, bekräftigte Mehdi Jafari-Gorzini vom Mainzer Beirat für Migration und Integration. Im gleichen Sinne äußerte sich Miguel Vicente von der SPD, der wie seine grünen Stadtratskollegen Daniel Köbler, Katrin Eder und Gunther Heinisch an der Demo teilnahm. Dass Sarrazin Genosse sei, mache die Auseinandersetzung seiner Partei mit dem Thema Rechtspopulismus nicht gerade einfacher, sagte Vicente der AZ.

