Tropfende Eisschollen auf der Hüfte: Bodypainting-Festival in Bingen gestartet
25.07.2010 - BINGEN
Von Christine Tscherner
Kunst auf nackter Haut: Zwei Tage lang kämpften 63 Künstler aus aller Welt im Park am Mäuseturm um den Titel beim Internationalen Bodypainting-Festival in Bingen. Mit Airbrush-Pistolen und Pinsel, Föhn und viel Farbe formen sie vergängliche Kunst auf nackte Haut.
„Welterbe“ ist das Festival-Thema. Unter den weißen Pagoden-Zelten am Binger Kulturufer warten die Modelle geduldig auf kreative Umsetzung. Peter Möbius (24) skizziert tropfende Eisschollen auf Frauenhüften.
Fünf Stunden bis zum Jury-Treffen
Der Ockenheimer Student ist vom Bühnenbilden bei seinem Fastnachtsverein auf Bodypainting umgestiegen. „Ich will auf die Erderwärmung aufmerksam machen.“ Die politische Aussage seines Kunstwerks ist ihm zentral. „Denn Gletscher sind unser Erbe.“ Um den Regenwald geht es im Atelierzelt nebenan. Dort formt sich auf der Haut von Modell Sandra Esser ein wuchernder Regenwald.
Andere Festival-Künstler nehmen das „Tadsch Mahal“ oder das „Mittelrheintal“ als konkrete Welterbe-Vorlage. Die Bandbreite an Techniken ist breit. Fünf Stunden haben sie Zeit bis zum Jury-Treffen. Immer wieder unterbrechen sie ihre Arbeit für Schnappschüsse der zahlreichen Fotografen und für Fernsehteams. Nackte Haut zieht Publikum.
Präzision ist gefordert
Wer mit Spezialeffekten arbeitet, erhält eine Zusatzstunde für die aufwendigen Modellierarbeiten. So probt Ingrid Bingler immer wieder die Passform für Kutschenmodelle am Brustkorb ihrer lebenden „Wiener Hofreitschule“. Strich für Strich entstehen Pferdeköpfe im Dekolletee. Die Krönung wird ein drehbares Riesenrad als Rückenmontage sein. Über ein halbes Jahr Planung können in solch komplizierten Konstruktionen stecken.
Nur eine Skizze und einen Bergarbeiter-Helm hat ein Bochumer Paar für die Reise nach Bingen eingepackt. Ihre „Zeche Zollverein“ zieht die Blicke der Fotografen auf sich. Der Künstler tupft gelbe Farbe zwischen die Zehen des Modells. „Aus dem Gelb schlagen später Flammen mit weichen Farbverläufen zur Kohlezeche empor.“ Statt blankem Busen entstehen die Rundungen der Kohlenwäsche - der Laie staunt. Präzision ist gefordert. Die Nackten wirken angezogen.
Und jedes Detail von der Zehenspitze bis zum angeklebten Spitzohr, vom Eichenlaub im Haarkranz bis zur plastischen Wirkung aus der Ferne ist genau geplant. Kameras und Fotoapparate scharen sich um die Zelte. Auch die lebenden Leinwände genießen anscheinend das Blitzlichtgewitter. Sind doch Fotos und Videos die einzige Möglichkeiten, um die vergängliche Körperkunst zu konservieren. Einmal geduscht und die Mühe von Stunden, die Vorarbeit von Wochen und Monaten ist dahin.
Rund 3.000 Besucher erwartet
Warum sich die Bodypainting-Szene ausgerechnet Bingen für ihr Treffen ausgesucht hat? Das Ehepaar Peter und Petra Tronser gilt als Wegbereiter des Bodypainting in Deutschland. Das Paar lebt in der Nachbarstadt Ingelheim. Das vor zwei Jahren zur Landesgartenschau komplett umgebaute Binger Rheinufer begeisterte die beiden frisch gekürten Weltmeister ihres Fachs. Der Park am Mäuseturm und Eingang zum Weltkulturerbe Mittelrheintal bietet die perfekte Kulisse für das Kunst-Happening.
Das 6. Internationale Bodypainting-Festival wurde bereits am Freitagabend mit einem Openair-Konzert des Mainzer Senders ZDFneo eröffnet. Die norddeutsche Band Stanfour, Auletta aus Mainz, Die Happy und als Topact die Norwegerin Marit Larson trotzten dem strömenden Regen. Rund 3.000 Besucher erwarten die Organisatoren an den Festival-Tagen.

