Von Jens Frederiksen
LITERATUR Alfred Matusche - Vergessener DDR-Dramatiker von Mainzer Verlag wiederentdeckt
Als Bertolt Brecht im Januar 1956 vom Organisationsbüro des IV. DDR-Schriftstellerkongresses um eine Liste jener Dramatiker gebeten wurde, die "unbedingt" mit einer Einladung zu bedenken seien, nannte er neben Peter Hacks und Heinar Kipphardt jemanden, dessen Name heute vollständig vergessen ist: Alfred Matusche. Der Autor, 1909 in Leipzig als Arbeiterkind geboren und damit für eine DDR-Karriere wie prädestiniert, war gerade mit seinem ersten Stück in den Ostberliner Spielplänen aufgetaucht. Doch proletarische Herkunft hin, Brecht-Fürsprache her, der Durchbruch wollte sich nicht einstellen - damals nicht, und später auch nicht.
Jetzt, aus Anlass von Matusches 100. Geburtstag, erinnert der Mainzer Verlag André Thiele mit einer Dramen-Ausgabe an den schwer einzuordnenden Einzelgänger. Und nicht nur das: Eine Festschrift mit dem Titel "Das Lied seines Weges" liefert dem neugierig gewordenen Leser eine gute Auswahl an Begleitmaterialien gleich mit. Viel Ehre freilich für jemanden, den im Westen nicht einmal die einschlägigen Lexika, geschweige denn die Theaterführer verzeichnen. Aber, um es vorweg zu nehmen: Matusches literarische Hinterlassenschaft hat den Einsatz verdient.
Schon in den 20er Jahren begann der gelernte Schlosser mit dem Schreiben - vornehmlich Lyrik, doch die Texte sind nicht erhalten. In der Nazi-Zeit tauchte er schreiberisch weg, nach dem Krieg hielt er sich in Leipzig mit Gelegenheitsarbeiten für den Rundfunk über Wasser. Ein unsteter Mann: In den 50er und 60er Jahren wechselte er häufig seinen Wohnort - und die Tätigkeiten ebenfalls. 1955 trug der Kontakt zum Deutschen Theater in Berlin Früchte: Als erstes Stück kam "Die Dorfstraße", ein Bilderbogen über die Wirren der letzten Kriegstage an Oder und Neiße, zur Uraufführung.
Doch wie im Privatleben, so blieb Matusche auch in der Kulturszene ein Getriebener, dem es nicht gelingen wollte, irgendwo dazuzugehören. Ein einziges weiteres Stück, "Nacktes Gras", fand Ende der 50er Jahre noch auf eine DDR-Bühne. Erst Mitte der 60er und Anfang der 70er Jahre gab es dann weitere Aufführungen. Wegen seines Lebensstils von den Zeitgenossen gelegentlich als "Gammler" belächelt, trat Matusche 1969 eine Stelle als Dramaturg am Theater von Chemnitz, damals Karl-Marx-Stadt, an. Er wurde mit Plattenbauwohnung und festgefügtem beruflichem Umfeld nicht glücklich. Lange Zeit bettlägrig, starb er 1973 in einer Klinik an Herzversagen.
Matusches Arbeiten zerfallen in drei Werkgruppen: Stücke über Opfer und Täter im Dritten Reich, Stücke aus dem Produktionsalltag der DDR - und die für sich stehende dramatische Biografie "Van Gogh". In der Themenwahl eher abgedroschen, mag man denken. Aber Matusche erweist sich auch bei den vermeintlich spröden Stoffen als ein Virtuose der deftigen Figurenzeichnung und darüber hinaus als ein Meister des lakonisch knappen Dialogs. Und Matusches Vorliebe für Querköpfe und Außenseiter hebt selbst solche Geschichten ins Zeitlose, die festgezurrt scheinen in der jeweils treffsicher umrissenen historischen Situation.
Da ist die Begegnung des kleinen jüdischen Jungen Dani mit dem Wehrmachtssoldaten Gleß in "Der Regenwettermann", die zum Ausscheren des einen aus der Wehrmachtshierarchie und zur entschlossenen Flucht des anderen vor Willkür und Mord führt. Da ist der Frauenheld Kap in "Kap der Unruhe", der sich inmitten der Aufbaumühen der Nachkriegsjahre weigert, mit seiner Arbeitsbrigade sesshaft zu werden. Und da ist nicht zuletzt der ewige Sonderling Vincent van Gogh, dessen Lebenslauf in einem an Büchners "Woyzeck" erinnernden Bilderbogen so sorgsam und dabei so geradeheraus und schnörkellos nachgestellt wird, dass der Leser/Zuschauer nicht anders kann, als dieser Talfahrt mit atemloser Spannung folgen.
Lauter Beunruhigte, lauter gehetzt Umherstreifende sind in Matusches Dramen unterwegs. Keine Revolutionäre - nur Leute, die sich nicht abfinden wollen mit Stillstand und Erstarrung. "Der Wind stellt sich ein, wo wir sind," sagt der Kranführer Kap in "Kap der Unruhe". Ein Versprechen - auch für die szenische Umsetzung. Ob es auf der Bühne heute noch einzulösen ist, steht dahin. Aber warum nicht einfach mal den Versuch wagen?

