Sonntag, 14. März 2010 14:13 Uhr
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Allgemeine Zeitung

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Lenin eine Marke wie Coca-Cola

24.06.2008 - FRANKFURT

Von Katinka Fischer

Ausstellung in der Schirn thematisiert Moskauer Konzeptkunst von 1960 bis 1990

Massenkultur hat nicht nur die Ästhetik der westlichen Moderne beeinflusst. Welches Potenzial in der Vervielfältigungs- und Verteilungstechnik der Neuzeit steckt, erkannte man um 1960 auch in der einstigen Sowjetunion. Von neuen Bildern, Medien und einer neuen Sprache, die sich nun vor allem im Dienste der Propaganda ausbreiteten, blieb die Kunst nicht unbeleckt. Parallel zur sozialistisch-realistischen Staatskunst konnte sich eine Strömung entwickeln, die Boris Groys Moskauer Konzeptkunst nennt. Der deutsch-russische Denker und Kurator zeichnet verantwortlich für den dritten Teil einer Ausstellungsreihe, mit der die Frankfurter Schirn die Entwicklung russischer Kunst im 20. Jahrhundert aufarbeitet. Nun also geht es um ein unbeirrbares Grüppchen, das zwischen 1960 und 1990 für eine ironische Form des Totalitarismus, nämlich für "Totale Aufklärung" sorgte. So lautet der Titel der aktuellen Schau. Sie reanimiert eine gegenöffentliche Szene um 30 führende Künstler-Köpfe, die zusammen mit Freunden, Theoretikern und Autoren zugleich ihr eigenes Publikum waren. Zunächst einmal lebten sie damit eine Utopie: Sie konnten unabhängig vom Markt arbeiten, weil es einen Markt nicht gab. Gleichzeitig waren sie zur Nabelschau geradezu gezwungen. Dabei entwickelten sie ein sensibles Bewusstsein für alles, was ihre Zeit und Umgebung ausmacht. Und das waren in erster Linie politische Symbole. Bei Alexander Kosolapov etwa trägt das plakative Früchte. Er durchdringt den eisernen Vorhang, indem er westliche und russische Trade-Marks verknüpft: Marlboro mit Malevitsch, Coca-Cola mit Lenin. Erik Bulatov erklärt gleich die ganze UdSSR zum Markennamen. Subtiler gehen die Stars der Schau, Komar und Melamid, zu Werke, wenn sie auf unterschiedliche Künstlervergangenheiten reflektieren. Dunkle Farbwolken wirken wie Ausschnitte aus impressionistischen Bildern. Mit weißen Quadraten auf rotem Grund zitiert das Künstler-Duo den Suprematismus der Ahnen und mit einer Variante davon sich selbst. Das größte malerische Werk hat Grisha Bruskin abgeliefert. Seine "Fundamentalen Lexika" bestehen aus vielen kleinen Tafeln. Im naiven Staatskunst-Stil stellen sie vom Landmann bis zum Raumfahrer eine Typologie der Stützen der sozialistischen Gemeinschaft dar. Dennoch verstanden sich die Moskauer Konzeptualisten offenbar nicht als Bildererfinder. Kaum eine Tafel kommt ohne Schrift aus. Neben labyrinthartig angeordneter Objektkunst drückt sich Malerei-Skepsis auch in einer großen Zahl von Fotos aus. Sie sind Dokumentation und Archiv eines bestimmten Raums zu einer bestimmten Zeit. Zu sehen sind Architektur, Landleben, wenig Militär. Die Aufnahmen erzählen viel, kommentieren aber nur selten deutlich. Dass die russische Staatsmacht eine zwar nicht revolutionäre, wohl aber ironische Distanz zu den Segnungen des Sozialismus zuließ, ist allein schon erstaunlich. Darüber hinaus zeitigte dies teils kluge und fantasievolle Ergebnisse. Zu spüren ist allerdings auch, dass die künstlerische Reflexion auf einen sehr engen Raum begrenzt bleiben musste. Bis 14.9., Römerberg, Frankfurt, di., fr.-so., 10-19 Uhr, mi., do., 10-22 Uhr


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