Von Jens Frederiksen
André Müllers Kommunen-Satire "Am Rubikon"
Schon die süffisante Beschreibung der Geschirrberge, die die fünf Mitglieder der "Kommune V" in der Badewanne ihrer Altbauwohnung in Berlin-Wedding deponiert haben, ist den Kauf dieses Klassikers unter den 68er-Romanen wert. Nicht genug, dass ein "gusseiserner Bräter samt seinen kulinarischen Resten" als lästige Erinnerung an kleinbürgerliche Wohlfühl-Momente dort sein Zwischenlager findet. Eine Kommunardin, "in Gedanken ganz mit neuartigen Erscheinungen des Klassenkampfes beschäftigt", sieht in dem emaillierten Trog das ideale Auffangbecken auch für den Rest der Küchenutensilien der WG - einen Heringskopf eingeschlossen, der traurig vor sich hin blickt, "so als sänne er entweder über die zunehmende Überfischung der Weltmeere oder über die mangelhafte Zubereitung nach, die man ihm hatte angedeihen lassen". André Müller, Querdenker mit entschieden kommunistischer Ausrichtung und Autor mehrerer Brecht-Anekdotenbände, hat Mitte der 70er Jahre die Kommunen- und WG-Satire "Am Rubikon" geschrieben. 1987 kam sie nach endlosem ideologischen Für und Wider in kleiner Auflage im linken Pahl-Rugenstein-Verlag heraus, und seither gilt sie als Schlüsselbuch über die Entstehung der Baader-Meinhoff-Gruppe. Ob sie das wirklich ist, mag mit Fug und Recht bezweifelt werden - so viel schlitzohrige Lebensbejahung und charmante Durchwurschtel-Metalität, wie Müller sie beschreibt, kann es im Umfeld der ideologischen Hardliner der RAF kaum gegeben haben. Wie auch immer: Wer will, kann sich jetzt ein eigenes Urteil bilden. Der lange vergriffene Band ist von dem Mainzer Verlag André Thiele als erste Roman-Publikation ins Programm genommen worden und steht den Lesern in sorgsamer Aufmachung, kurioser Weise aber ohne jeglichen Verweis auf die Erstveröffentlichung zur Verfügung. Erzählt wird die Geschichte eines Hallodris mit Namen Stefan Heyer, der in einem Nobellokal aus absolut niederen Beweggründen, nämlich um die Zeche zu prellen, zwei linken Demonstrantinnen zur Flucht vor der Polizei verhilft, ihnen in deren Kommune folgt, dort schrittweise das Regiment übernimmt und aus der familiären Insel der Aufsässigen fast ein Arbeitslager mit natürlich linker Zielsetzung macht, bis eine Katastrophe alle Blütenträume zunichte macht. Keiner ist ehrlich in diesem Roman, aber jeder will die Menschheit erlösen. Köstlich - das Amüsanteste, was den 68ern je aus der linken Szene angedichtet wurde. André Müller: Am Rubikon. Roman. Verlag André Thiele. 301 S., 14.90 Euro

