Der Autor Clemens Meyer provoziert gerne/Interview mit dem Leipziger Buchpreisträger
Vor zwei Wochen hat Clemens Meyer den Preis der Leipziger Buchmesse für seinen Band "Die Nacht, die Lichter. Stories" erhalten. Jetzt war er in Wiesbaden im Presseclub zu Gast. Im Interview gibt der Preisträger Auskunft auf die Frage, wie er sich fühlt. Herr Meyer, Sie haben in Ihrer Stadt Leipzig den Preis der Buchmesse erhalten. Bedeutet das eine Art Genugtuung für Sie, nachdem Sie genau diesen Preis vor zwei Jahren für Ihren Roman "Als wir träumten" zwar erwartet, aber nicht bekommen hatten? Meyer: Nee, Genugtuung nicht. 2006 galt ich als Favorit, natürlich hätte ich ihn auch da gerne gehabt. Im Nachhinein muss ich aber sagen, so war es Interview vielleicht ganz gut. Nun habe ich für den "Stories"-Band den Preis bekommen und hatte nicht damit gerechnet. Also, wirklich, überhaupt nicht. Eine kleine Chance hatte ich mir gegeben, aber ... ... eine nur kleine, weil es die Form von Erzählungen schwerer hat? Meyer: Ich dachte, Ingo Schulze hat letztes Jahr gewonnen auch mit einem Band Geschichten ("Handy"), andererseits aber auch, die Jury ist integer und wird nach literarischer Qualität entscheiden. Irgendwas muss ihr an meinem Buch so gut gefallen haben, dass sie dafür gestimmt hat. Irgendwas? Sie schätzen Ihr Buch selbst nicht als besonders preiswürdig ein? Meyer: Doch, doch schon. Es ist ein Buch, in das ich alle Kraft und Zeit investiert habe. Das ich letztlich auch als komplettes Buch konzipiert habe und nicht nur als eine Handvoll von Geschichten. Die Abfolge, der Zusammenhang dieser "Stories", sind also nicht beliebig? Meyer: Ja, so ungefähr. Die einzelnen Geschichten gelten natürlich auch für sich. Aber ich wollte schon, dass sie als Ganzes auch eine Art Kosmos ergeben, eine Art Reise mit verschiedenen Stationen. Wie hat die Station Leipzig Sie denn gefeiert? Meyer: Ist mir fast schon peinlich. In den letzten Tagen der Buchmesse und danach haben mir bestimmt Hunderte von Leuten gratuliert. Und ich kann mich nicht entsinnen, je einen so großen Jubel wie nach der Preisverleihung gehört zu haben. Ist ja klar: Ich bin Leipziger - es war ein Heimspiel. Und wie haben Sie sich selbst dabei gefühlt? Meyer: Nicht schlecht. Es ist eine Bestätigung der Arbeit, die ich in das Buch investiert habe. Und deshalb ist es auch nicht schlecht, dass es mit dem zweiten Buch geklappt hat. Damit ist es eine Bestätigung für meine Arbeit als Schriftsteller insgesamt. Ich habe das Gefühl, jetzt bist du auch wirklich angekommen. Denn wer hätte damit gerechnet, dass das zweite Buch das erste übertrifft? Ich nicht! Jetzt ist die Stange für das dritte aber hoch gelegt. Meyer: Das höre ich jetzt oft. Aber ich seh das so: Jetzt habe ich diesen Leipziger Buchpreis gewonnen und ich spür´ eigentlich keinen Druck mehr. Jetzt kann ich die Kräfte sammeln und am dritten Buch arbeiten, das wieder ein Roman wird. Erwartungsdruck hat nach der Preisverleihung aber doch der mediale Literaturbetrieb ausgeübt. In den TV-Shows machten Sie den Eindruck, dass Sie sich auch dem so gern nicht beugen. Meyer: Da ist schon was dran. In dem Augenblick, wenn ich da sitze und das Gefühl habe, da kommen Fragen, die nicht besonders schlau sind, verhalte ich mich auch dementsprechend. Sie provozieren dann auch gern selbst? Meyer: Ja, das stimmt. Klar, wenn immer wieder Klischees für dieses Buch aufgegriffen werden, das stört einen schon. Wenn ich das Gefühl habe, das Buch wurde nicht gelesen, dann bin ich mir als Autor auch nicht zu schade, ein bisschen provokant zu sein. Ich denk´, was soll ich hier rumsitzen und erzählen, so wie es alle machen? Da bring ich lieber etwas Feuer rein. Auf Lesetour wollen Sie nach dem Jury-Urteil jetzt die Resonanz des Publikums? Meyer: Das ist mindestens genau so wichtig. Was nützt einem die ganze Fachwelt, wenn das Publikum nicht mit anspringt? Das Interview führte Viola Bolduan

