Montag, 13. Februar 2012 06:01 Uhr
URL: http://www.allgemeine-zeitung.de/nachrichten/politik/rheinland-pfalz/6784967.htm

Allgemeine Zeitung

Rheinland-Pfalz 

Nazis müssen zum Städtele hinaus

02.05.2009 - MAINZ

Von Frank Schmidt-Wyk und Christopher Spies

Die Musik spielt auf dem Bahnhofplatz, das stellte sich am Freitag rasch heraus, er würde zum Brennpunkt werden im Aufeinandertreffen von Neonazis und Gegendemonstranten. Etwa 3.000 Menschen strömten dort zusammen und blockierten ab etwa 9 Uhr unverdrossen sechs Stunden lang rund um den Bahnhofsplatz alle denkbaren Marschrouten der angekündigten Neonazi-Demonstration, so dass die frustrierten Rechtsextremisten am Ende unverrichteter Dinge wieder abreisen mussten. Viele der Blockierer waren einem Aufruf des Antinazi-Bündnisses "Wir stellen uns quer!" gefolgt, das zunächst zu einer Kundgebung am Münsterplatz eingeladen hatte und dessen erklärtes Ziel es war, sich den Neonazis in den Weg zu stellen.

Ein klares Zeichen gegen Rechtsextremisten setzen, jetzt und für die Zukunft, aber ohne sich mit ihnen direkt anzulegen, das war vorerst die Absicht von mehr 1 500 Gegendemonstranten, die vom Leichhof aus ab 9.30 Uhr durch die Innenstadt zogen, unter ihnen Ministerpräsident Kurt Beck, Bildungsministerin Doris Ahnen, Innenminister Karl Peter Bruch, Oberbürgermeister Jens Beutel und Vertreter aller demokratischen Stadtratsfraktionen. Aufgerufen dazu hatte das zweite große Gegenbündnis "Mainz steht auf!".

"In unserem Land, in Rheinhessen und in Mainz sind alle willkommen, aber nicht diejenigen, die Hass predigen", rief Beck auf der Abschlusskundgebung auf dem Gutenbergplatz den nunmehr rund 2000 Menschen zu. Der DGB-Landesvorsitzende Dietmar Muscheid warnte: "Nationalismus ist keine Antwort auf die Probleme im Land." Und Dr. Johannes Gerster, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, richtete die Botschaft an die Parteien, "endlich den Weg für ein Verbot der NPD" frei zu machen.

Nach einer entsprechenden Aufforderung zogen dann auch vom Theater viele Menschen zum Bahnhofplatz, um sich an den friedlichen Blockaden zu beteiligen - eine willkommene Verstärkung für die inzwischen dort versammelten Nazigegner. Über die Stränge schlugen am Vormittag hingegen einige Linksautonome in der Neustadt, abseits des eigentlichen Geschehens, wo sie Flaschen und Steine warfen sowie Rauchbomben zündeten. Ein Polizeibeamter wurde leicht verletzt und ein Streifenwagen beschädigt. Die Polizei nahm 60 Gewalttäter vorläufig fest, 15 von ihnen landeten bis zum Nachmittag in Gewahrsam.

Während sich um den Bahnhofplatz die Reihen der Gegendemonstranten hinter den Absperrungen der Polizei immer weiter verdichteten, trafen die Neonazis nach und nach mit dem Zug ein, viele von ihnen aus der Pfalz und dem Saarland, 175 waren es nach Polizeiangaben am Ende. Die Gruppe wurde von der Polizei in den Durchgang der Nordsperre am Kaiser-Wilhelm-Ring geleitet und dort zunächst festgehalten. Um 12 Uhr hätte sich eigentlich ihre Demonstrationszug in Gang setzen sollen, doch zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich bereits ab, dass es für sie keinen Weg durch die Barrieren der Gegendemonstranten geben würde.

Das sahen schließlich auch die Rädelsführer der "Initiative Südwest" ein, die hinter dem Neonazi-Aufmarsch stand, sie sagten die Demo angesichts der "Übermacht" ihrer Gegner ab. Gleichwohl verharrten die Neonazis noch drei Stunden auf der Stelle, wie in einem erstarrten Grabenkrieg flogen mehr als drei Stunden lang zwischen den Lagern der Rechtsradikalen und ihrer Gegner Sprechchöre über den Köpfen der Polizisten hin und her. Regelmäßig führten Beamte eine kleine Gruppe Neonazis über den Kaiser-Wilhelm-Ring zur Toilette, ausgerechnet in ein portugiesisches Café. Die 50 Meter zum WC und wieder zurück, jedesmal begleitet von einem gellenden Pfeifkonzert aus Richtung Bahnhofplatz - mehr Neonazi-"Demonstration" fand nicht statt an diesem Tag.

Denn nachdem auch der Versuch gescheitert war, nach Alzey auszuweichen, bestieg der Großteil der Neonazis um 15.15 Uhr einen Sonderzug ins Saarland. Die passende Musik dazu lieferten sie unfreiwillig selbst: Etwa eine Stunde vor ihrer erzwungenen Abreise plärrte aus ihren Lautsprechern eine Nazirock-Version des deutschen Volkslied-Klassikers "Muss i denn zum Städtele hinaus".

Während nach der Abfahrt des Zuges auf dem Bahnhofplatz Partystimmung ausbrach, wird es für einen Teil der Neonazis noch ein unangenehmes Nachspiel geben: Gegen einige von ihnen hat die Polizei Ermittlungsverfahren eingeleitet wegen Tragens von Kleidung mit verfassungsfeindlichen Symbolen.

Nomen est omen: Die Nordsperre am Hauptbahnhof ist für die Neonazis Endstation, nach sorgfältigen Polizeikontrollen versperren Demonstranten den Weg. Fotos: Sascha Kopp

Nomen est omen: Die Nordsperre am Hauptbahnhof ist für die Neonazis Endstation, nach sorgfältigen Polizeikontrollen versperren Demonstranten den Weg. Fotos: Sascha Kopp


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