GESCHICHTE Vor 300 Jahren wanderten 13000 Rheinland-Pfälzer nach Amerika aus
Sie hatten die Hoffnung auf ein besseres Leben und nahmen große Risiken auf sich: Vor 300 Jahren startete in Rheinland-Pfalz die erste große Auswanderungswelle nach Amerika. Wir sprachen darüber mit Dr. Helmut Schmahl, Privatdozent an der Uni Mainz und Studienrat in Alzey.
Was waren die Gründe für die Auswanderer, einen Neuanfang in Amerika zu wagen?
Hauptgrund war die wirtschaftliche Lage. Es war zu einer Verquickung unglücklicher Umstände gekommen: So hatte Hagelschlag 1707 in Rheinhessen vielerorts die Weinernte zerstört. Besonders schlimm war es im Alzeyer Raum, der 1708 von einer Viehseuche heimgesucht wurde. Der Hungerwinter 1708/09, einer der kältesten des 18. Jahrhunderts, machte die Ernte des kommenden Jahres zunichte. Die Kurpfalz war nach der Zerstörung durch französische Truppen gerade wieder aufgebaut worden, doch dann kam der spanische Erbfolgekrieg. Viele Menschen sagten sich - so geht es nicht weiter. 1709 sind rund 13000 ausgewandert, hauptsächlich aus der Kurpfalz, aber auch aus dem Mainzer Raum, der Lahngegend und Trier.
Gab es Abwerbeversuche?
Englische Großgrundbesitzer der Kolonie New York warben gezielt um Kolonisten. Es zirkulierte eine Broschüre, das so genannte Goldene Buch, das auf großes Interesse stieß. Geschrieben hatte sie ein Pfarrer aus dem Kraichgau, der längere Zeit in England gelebt hatte.
Die Auswanderer - was waren das für Menschen?
Hauptsächlich Kleinbauern und Handwerker. Den ersten wurde freie Überfahrt versprochen - sie mussten es nur bis zu den holländischen Häfen schaffen, von dort aus sollten sie über England nach Amerika gebracht werden.
Ist das Versprechen auch eingehalten worden?
Die Großgrundbesitzer und die englische Krone waren ziemlich überrascht von der Resonanz. 13000 Menschen kamen in London an und wurden in Flüchtlingslagern untergebracht. Aber nur 4000 von ihnen verschiffte man nach Amerika. Die restlichen wurden nach Irland verbracht, zur "Stärkung des protestantischen Elements", oder zurück in die Heimat geschickt.
Wie muss man sich die Reisebedingungen vorstellen?
Die Bedingungen auf den Segelschiffen waren bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts oft verheerend. Wenn man Glück hatte, schaffte man die Reise in vier Wochen, sie konnte aber auch bis zu zehn Wochen dauern, je nach Wind- und Wetterlage. Die Auswanderer waren im Zwischendeck des Schiffsbauchs untergebracht, in dem es kaum Licht und Belüftung gab. Die meisten waren das erste Mal auf hoher See, wurden krank. Bis zu zehn Prozent der Passagiere sind gestorben.
Wie ging es in Amerika weiter?
In New York empfing Governor Hunter die Auswanderer. Er wollte sie gleich als Arbeiter in den Wäldern am Hudson einsetzen. Dort sollten sie Holz fällen und Schiffsmasten für die britische Marine herstellen, ebenso Pech und Teer. Das Projekt scheiterte jedoch. Die Neuankömmlinge hatten sich das Leben in Amerika anders vorgestellt, und das Projekt war schlecht organisiert. Daraufhin wurden viele zu Pächtern englischer Großgrundbesitzer, die sie ziemlich ausgenommen haben. Ein großer Teil wanderte nach Pennsylvania weiter.
Und dort gibt es noch heute pfälzische Spuren?
Pennsylvania war für Glaubensfreiheit und Liberalität bekannt. Der Gründer und Namensgeber Wilhelm Penn hatte kräftig die Werbetrommel gerührt. Rund 100000 Deutschsprachige, viele aus dem Südwesten, siedelten sich dort an. Unter ihnen bildete sich der Pennsylvania-deutsche Dialekt heraus, der große Ähnlichkeit mit dem Vorderpfälzischen aus der Gegend von Mannheim hat. Er wird noch heute von 100000 Menschen in den USA gesprochen.
Gab es weitere Auswanderungswellen?
Ja, etwa 1817 nach einer Hungersnot und nach 1830 aufgrund von Bevölkerungswachstum, Missernten, Arbeitslosigkeit und Unzufriedenheit mit den politischen Verhältnissen. Bis 1920 sind nicht weniger als vier Millionen Deutsche nach Amerika ausgewandert, davon mindestens eine halbe Million aus dem heutigen Rheinland-Pfalz und schätzungsweise 200000 aus Hessen.
Das Interview führte
Markus Lachmann

