POLITIK IM WEBTotenglocke für die Blogger-Szene läutet zu früh
17.04.2010 - WIESBADEN
Aktivisten treffen sich zur "re:publica" / Szene lernt die Mühen des Alltags kennen / Mancher ins Netz geworfene Stein entfacht einen Sturm
Die einst gefeierten Blogger sind im Alltag angekommen. Galten sie vor einigen Jahren noch als die Zukunft des Journalismus, wenn nicht des Internets überhaupt, lernen sie nun die Mühen des täglichen Überlebens kennen. Denn es gibt kaum Geld für ihre Arbeit und wenn, dann nur, wenn der Schreiber im Netz massiv Aufmerksamkeit auf seine Seite gezogen hat. Da gelten dann die alten Gesetze der Mediengesellschaft, die weit verbreiteten Zeitungen, Zeitschriften, Blogs werden auch am häufigsten zitiert und verlinkt. Die Selbstverortung und Standortbestimmung zeigt die Blogger-Messe "re:publica" in Berlin, zu der mehr als 2500 Netzaktivisten gereist sind. Die per Videostream dokumentierte Diskussion zeigt, dass es viel zu früh ist, dem Blogger-Phänomen die Todesglocke zu läuten, wie es die FAZ in einem dreiseitigen Abgesang versucht hat. Die Szene ist äußerst lebendig, wobei die Grenzen zwischen dem Kurznachrichtendienst Twitter, sozialen Netzwerken wie Facebook und Blogger-Seiten fließend ist, nicht zuletzt weil sie von den gleichen Akteuren bedient und betrieben werden. Und wie in der Medienszene gibt es auch hier die Stars wie den vielzitierten Markus Beckedahl (netzpolitik.org) oder international den Technik-Blogger Jeff Jarvis, ebenfalls in Berlin vor Ort. Die Konferenzthemen reichen von "Netzneutralität" bis zu "Netz-Kampagnen". Dabei sind Blogs ein Spiegelbild der Gesellschaft und damit besonders in Fragen des Internets ein Seismograph für Entwicklungen wie die Auseinandersetzung um die Internet-Sperren (Stichwort: Zensursula) gezeigt hat. Auch die Diskussion um die Plagiatsvorwürfe zum Bestseller "Axolotl Roadkill" von Helene Hegemann, wurden von einem Blog ("Die Gefühlskonserve") entfacht, bevor sie von den etablierten Medien aufgegriffen und verstärkt wurden. Schöne Pointe dabei: Helene Hegemann hatte sich bei einem Berliner Blogger bedient. Dies zeigt, die Blogger-Szene lebt und kann verstärkt durch die traditionellen Medien durchaus Wirkungsmacht entfalten. Es gelingt aber nur wenigen, Themen zu setzen. Dabei ist die Verlinkungsorgie, das sich permanente gegenseitige Zitieren, entscheidend für den Erfolg. Und mancher ins Netz geworfene Stein entfacht dann doch einen Sturm.http://re-publica.de

