Von Christine Tscherner
EXTREMSPORT Mainzer Klippenspringerin will EM-Titel verteidigen
/VALLEMAGGIA. Sie gehört zu den weltbesten Klippenspringern. Die Mainzer Studentin Anna Bader, 25, will am Wochenende bei der Europameisterschaft im Tessin ihren Titel verteidigen. Eine Extremsportlerin mit Courage, Charme und China-Plänen. Baders Bestleistung liegt bei 24,5 Metern. Aber schwindelerregend hoch sind die Abgründe immer, von denen sich die Mainzer Lehramtsstudentin ins Wasser stürzt. Anderen würde allein der Blick in die Schluchten des kalten Schweizer Gebirgsflusses Maggia genügen. Tiefe Täler hat er nahe Locarno in die Tessiner Bergwelt gespült. Hier will die mehrfache Europameisterin springen - als einzige Frau unter lauter Männern.
Kritischer Moment
Profis wie Anna haben Respekt vor der Höhe. "Respekt ist gut für die Gesundheit." Denn in den knapp drei Sekunden freiem Fall beschleunigt der Körper auf 85 Kilometer pro Stunde. Ohne Helm und Gurt prallt er aufs Wasser - und wird dort innerhalb von nur drei bis vier Metern wieder auf Null abgebremst. "Mehr als vier Sprünge täglich sind nicht drin." Neun Mal härter als vom Zehn-Meter-Brett ist der Aufprall. Das Eintauchen wird selbst für Klippensprung-Profis wie Anna zum kritischen Moment. Ein Höchstmaß an Körperbeherrschung gehört zu ihrem Sport. Wer sich zu schnell oder zu langsam dreht in der Luft, riskiert beileibe nicht nur blaue Flecken.
Von einer bestimmten Höhe an ist es mit dem Untertauchen kopfüber vorbei. Muskeln und Skelett könnten nachgeben. Deshalb beenden Anna Bader und ihre Kollegen jede Sprungfigur mit einem "Barani". Der halbe Salto bringt sie mit den Füßen voran ins Wasser.
"Die Angst zu überwinden, das gehört zum Klippenspringen." Egal ob von himmelstürmender Klippe in Italien, bei einem Wettbewerb in Hamburg oder beim jährlichen Treffen der Szene im Tessin: Immer bleibt der Augenblick der Überwindung.
Wie die 1,60 Meter kleine Mainzerin zum Cliff Diving kam? Als begabte Bodenturnerin startete sie ihre Karriere. Die Mutter, eine Ex-Spitzenturnerin, förderte das Talent. Turmspringen war Stufe zwei. Anna zog mit 16 nach Mainz, schaffte es bis in den B-Kader der Nationalmannschaft.
In Iglu-Zelten
Den Adrenalin-Kick des Klippenspringens entdeckte sie zunächst als Zuschauerin. Der lockere Umgangston gefiel ihr, der Spaß jenseits des Leistungssports. Die Sportler schlafen auch bei der Europameisterschaft in Iglu-Zelten in Fluss-Nähe. Reich wird man als Cliff- Diving-Champion nämlich nicht. Einen Monat lang arbeitete Anna als Showgruppen-Mitglied für "Sea World", wurde für eine Wassershow in Las Vegas gebucht. Ende dieses Jahres soll in einem chinesischen Hotelkomplex in Macao eine neue Unterhaltungsshow starten. Anna hat als Mitglied des Ensembles angeheuert. Eine Mischung aus Tanz und Zirkus, an Land und zu Wasser erwartet sie nach dem Abschluss ihrer Mainzer Prüfungen. Zwei Jahre China ohne ein Wort Mandarin? Manche würden das mutig nennen - oder einen Sprung ins kalte Wasser.

