"Grammatik ist angeboren"
26.03.2010 - MAINZ
Von Katinka Fischer
VORTRAG Renommierter Sprachforscher Noam Chomsky zu Gast in Mainz
Den plakatierten Ankündigungen hatte man kaum glauben können: Dass Noam Chomsky einen Gastvortrag auf dem Campus der Mainzer Uni halten würde, stand da. Der Professor für Linguistik am Massachusetts Institute für Technology (MIT) und Gottvater der modernen Sprachwissenschaft hier, bei uns? Doch, doch. Diese kleine Sensation hatte Angela D. Friederici mit eingefädelt. Die Leiterin des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig, die die diesjährige Stiftungsprofessur in Mainz innehat, kennt Chomsky seit den 70er Jahren, als sie am MIT forschte.
Tags zuvor in Stuttgart mit dem Erich-Fromm-Preis ausgezeichnet, stand ihr einstiger Mentor am späten Mittwochnachmittag dann leibhaftig in Mainz am Rednerpult. Mitten in den Semesterferien drängten sich weit mehr als 1000 Menschen im und vor dem Hörsaal, um zu hören, was der große, grauhaarige Mann, der tatsächlich schon 81 ist, zu sagen hat. Ein entspannter Wissenschaftler in Jeans und mit kariertem Hemdkragen unter blauem Pullover hielt sich beim unvermittelten Einstieg in seine Rede mit Worten der Begrüßung nicht lange auf. Klar, dass ein Manuskript nicht nötig war, wo Chomsky quasi im Vorbeigehen ein paar Grundprinzipien seiner seit den 50er Jahren als Reaktion auf die Behaviouristen jener Zeit entwickelten "Poverty of Stimulus"-Theorie erläuterte.
Sie fußt auf der These, dass die Struktur der Sprache zu komplex ist, als dass ein Kind sie in relativ kurzer Zeit erlernen könnte. Chomsky folgert daraus, dass den Menschen eine für alle Sprachen geltende Universal-Grammatik angeboren ist - ein inneres System, dass sie befähigt, mit einer begrenzten Anzahl von Worten eine unbegrenzte Anzahl von Sätzen zu bilden und zu verstehen. Obwohl Noam Chomsky, der in den 1980er Jahren den Höhepunkt seines Ruhms als Sprachformalisierer erreichte, auch auf einige Kritiker stieß, hat er damit die Mathematik beeinflusst und legte den Grundstein für die Computerlinguistik. Als besonders reizvoll empfindet er, dass die Unendlichkeit der sprachlichen Möglichkeiten in der Biologie einzigartig sei.
Amerikanisch geradlinig und ganz ohne Wissenschaftler-Sprech vermittelte er nicht zuletzt, wie rätselhaft das scheinbar Triviale sein kann. Eine zum Schluss mit skurrilen Chiffren übermalte Tafel untermauerte den den Untertitel seiner "special lecture": Die Erforschung von Sprache ist "unfinished business".

