Von Volker Milch
OPERN-PREMIERE Peer Boysen inszeniert in Mainz Bizets "Carmen" zum Saisonauftakt
Alle reden von der Krise, und wache Theater reagieren darauf: "Geld Macht Gier" ist die neue Saison am Staatstheater Mainz aus aktuellem Anlass überschrieben. Die drei Zutaten kommen in Georges Bizets Oper vor, auch wenn es hier vor allem um die Macht des Eros und die Gier nach dem anderen Geschlecht geht, während materielle Transaktionen sich auf bescheidenem Schmuggler-Niveau bewegen.
Apropos Krise: "Carmen" ist in einer soliden Inszenierung kein Risiko-Papier, sondern eine sichere Bank für jedes Theater. Das spürt man auch nach der Mainzer Eröffnungs-Premiere, wenn sich im vollen Haus der Applaus zu Ovationen steigert. Diese "Carmen" hat das Zeug zum Publikumsliebling, und das liegt vor allem an einer Besetzung, in der Stimmen nicht unbedingt mit Größe, aber mit feinstofflichen Qualitäten punkten. Tara Venditti ist als glutäugige Carmen nicht nur schön anzusehen, sondern verfügt in der Titelpartie auch über einen flexiblen, glaubwürdig verführerischen Mezzosopran. Nicht abgründiges Schwarz oder flammendes Rot trägt sie am Schluss, sondern ein reinweißes Kleid: Der Tod durch Don Josés Messerchen, dem sie entgegenstürzt, ist auch so etwas wie ein Selbst- und Liebesopfer.
Ein stimmlich ansprechender, wenn auch in Höhenflügen seiner schwierigen Partie absturzgefährdeter Don José ist der Tenor Michael Wade Lee. Auf dem Spielfeld der Gefühle wird er von Carmen zu einem trotteligen Vierbeiner abgerichtet und fällt um, sowie die Herrin seines Herzens ihn mit dem Finger anstößt. Da ist Escamillo (Dietrich Greve) als Kerl schon von anderer Statur. Starker Applaus ist auch Susanne Gebs schön timbrierter Micaela, dem Zuniga von Hans-Otto Weiß, Inga-Britt Andersson (Frasquita), Patricia Roach (Mercedes) und dem Chor sicher.
Die Generalmusikdirektorin Catherine Rückwardt hat das Orchester insgesamt gut im Griff, wobei einiger Blechschaden und eine bisweilen arg knallige Auffassung von musikalischer Leidenschaft den bunten Abend trüben: Ein höherer Anteil Pariser Parfums wäre bei aller Passion in Bizets Meisterwerk wünschenswert gewesen. Die der Mainzer Produktion zugrunde liegende Rezitativfassung ist sicher nicht die beste editorische Basis, um die Ambivalenz der "opéra comique" zwischen Ernst und Scherz, zwischen Tragödie und Tingeltangel herauszuarbeiten. Aber Boysen bemüht sich nach Kräften, macht aus dem Schmuggler-Quintett eine Varieté-Nummer, lässt Remendado (Alexander Kröner) und Dancairo (Jürgen Rust) als Slapstick-Paar über die Bühne stolpern.
Boysen ist kein Mann der kühnen Konzepte. Seine Qualitäten finden sich eher im Detail spannungsvoller Personenführung und in einem unprätentiösen Ansatz. Der Abend ist aber mit seiner Flamenco-Folklore, Carmens kuriosem Ententanz vor Don José und einem von Boysen bekannten Zwinkern ins Publikum auch nicht frei von Peinlichkeiten.
In Boysens eigenem Bühnenbild, in dem nackte Technik eines Theaters auf dem Theater und eine Arena-Andeutung aufkeimendem Zigeuner-Kitsch gegensteuern, gelingen indes auch suggestive, von flackerndem Feuer illuminierte Chorszenen. Sie werden nachhaltig zur Beliebtheit dieser krisensicheren "Carmen"-Produktion beitragen.

