Von Andreas Schermer
FAITH NO MORE Kalifornische Stilpioniere in der Jahrhunderthalle
Als man in den 80ern noch Rock, Funk oder Rap säuberlich auseinander hielt, würfelten die Kalifornier von Faith No More in inbrünstiger Kommerzverachtung alle Genre in einem surrealen Eintopf zusammen. Damals hätte keiner der fünf Individualisten daran gedacht, dass sie eine Dekade später als Stilpioniere von der Verselbständigung ihrer Idee überrollt werden würden. Und als sich die Querdenker trennten, glaubte keiner an eine Wiedervereinigung, die nun in der Höchster Jahrhunderthalle zu erleben war.
Doch wird ihr Weg auf die Bühne durch das Frankfurter Trio Harmful mit dem Charme eines Mühlsteins eingeebnet. Sie treten auf Wunsch der Headliner auf, war doch Bassist Billy Gould bei Harmful schon Produzent und Gitarrist.
Die euphorisch erwartete Heldenrückkehr beginnt mit einer ihrer bekannten Geschmacksverwirrungen in kitschigen Anzügen einer US-Hochzeitsgesellschaft zur Soul-Schnulze "Reunited". Im krassen Kontrast dann ihre ureigene Mischung aus Rap und melodischem Gesang im Klassiker "From Out Of Nowhere". Sänger Mike Patton setzt großzügig seine Stimme ein, die ein enormes Spektrum bietet - von dämonischem Röcheln und gekläfften Silben-Salven bis zu irrsinnigen Lachanfällen, dann wieder smooth jazzig oder arienhaft tremolierend. Es scheint als habe der Frontmann einen kleinen Berserker im Kopf, der ihn nie zur Ruhe kommen lässt, ihn zu einem immerwährenden Kreislauf auf der Bühne anspornt oder ihn veranlasst, mit geschlossenen Beinen auf der Stelle zu hüpfen.
Keyboarder Roddy Bottum rauscht mit der Nasenspitze dicht über den Tasten die Klaviatur entlang oder fixiert mit vorgeschobenem Unterkiefer und starrem Blick einen imaginären Punkt irgendwo unter der Hallendecke. Die Haare in Mike Bordins Rasta-Mähne sind ergraut, aber das älteste Bandmitglied (46) beackert unverdrossen und souverän die Kessel seines Instruments. Die ethnische Spielweise zeichnet den Schlagzeuger als einen der charakteristischsten seines Fachs aus. Ebenso klangprägend der ungewöhnlich knurrige Zon-Bass von Billy Gould, der auch alle Knüppel-aus-dem-Sack-Phrasen ungewöhnlich virtuos ausgestaltet.
Dann "Midlife Crisis" - ihr Durchbruch in Europa 1992. Ein unkonventionelles Stück mit schwerfällig hoppelndem Rhythmus, zuckersüßen Keyboard-Glöckchen, die von Jon Hudson mit kettensägenartiger E-Gitarre zerschnitten werden, aggressiven Shouts und Kanon-Gesang. Aus jener Ära stammt ihr kommerzieller Geniestreich, das Commodores-Cover "Easy". Neu für alte Fans: Es ist eine Harmonie zu spüren, wo früher Reibereien alles zum Bersten brachten.
Am Ende zeigt die Horde musikalischer Rüpel und Witzbolde, dass ihnen auch Soul- und Gospel-Gesten liegen - "Just a man". Nach der Zugabe hat das Publikum noch einen Wunsch frei. Man einigt sich auf die Country-Ballade "Take This Bottle", einmal mehr ein ironischer Farbtupfer.

