Von Jens Frederiksen
Die "Nibelungen" frei nach Hebbel beim Schauspiel Frankfurt in der Schmidtstraße
Das Frankfurter Schauspiel folgt in seiner ausgelagerten Spielstätte weit draußen im Frankfurter Westen in der Schmidtstraße 12 einem ebenso geldsparenden wie enervierenden Konzept. Pro Saison ein Bühnenbild - mehr gibt´s nicht. Zu den Zeiten des Regisseurs Armin Petras, mittlerweile Intendant des Gorki-Theaters in Berlin, stand da ein Sperrholzkasten, in den alles gepackt wurde, was die Weltliteratur bereit hielt: Kleist, Tennessee Williams, Sarah Kane. In der laufenden Saison nun besteht das Schmidtstraßen-Bühnenarrangement aus ... nichts als der leergeräumten Fabrikhalle. Klingt furchtbar - ist es auch, hat aber den Vorteil, dass jeder Regisseur in diesem Ungefähr freie Hand hat. In Robert Lehnigers Inszenierung von Hebbels "Nibelungen" mit Zwischentexten des Grazer Theatermannes Johannes Schrettle jedenfalls führt das zu einem abwechslungsreichen, zwischen Gerüsten, Plastikplanen und Videoprojektionen spannend versenkten Heldenabgesang. Bevor´s richtig los geht, wird das Publikum allerdings erst mal auf Wanderschaft durch Flure, Keller und das labyrinthisch verbaute Spielareal geschickt. Im fahlen Licht eines Fotokopierers referiert ein langhaariger Archivar über die Bewahr-Ethik im täglichen Bibliotheksbetrieb. Auf einer Rampe im Freien dreht ein Praktikant ebendieser Bücherei einen Wegweiser mit der Beschilderung "Worms" und "Drachenhöhle" in verschiedene Richtungen, während er seiner Lebensabschnittspartnerin per Handy zu erklären versucht, warum er an diesem Abend etwas später heim kommt. Zurück im Aufführungssaal, hält der spätere Hagen-Darsteller zwischen zwei ausgestopften Raben einen improvisierten Vortrag über die germanische Götterhierarchie, und auf einer Wand drei Kojen weiter wartet auf alle Bräute dieser Welt in Kreideschrift die Botschaft, sie mögen bitte unter keinen Umständen ein Kreuz auf das Wams ihres Gatten sticken. Der künftige Siegfried ist als Installateur unter einem bluttropfenden Leitungsgewirr beschäftigt - da wird das verehrte Publikum zum Gruppen-Polaroid gebeten und schließlich durch eine Zolltür wie am Flughafen Richtung Zuschauerpodest entlassen. Dann ist endlich Nibelungen-Zeit. Am Burgunderhof sieht es aus wie in einer Alt-68er-WG. Gunther ist bei Wilhelm Eilers mit seiner spillerigen Langhaarperücke, seinem verstaubten Samtmantel und der pompösen Topf-Krone ein hochamüsanter König aus der Mottenkiste. Ihm zur Seite stehen Aljoscha Stadelmann als schmerbäuchiger Strickjackenträger Hagen, Nicholas Reinke als Party-Idol Giselher und Anne Müller als wohltrainiert über Metallgerüste und durch Papierschnipsel-Wüsteneien turnende Kriemhild. Klar, dass Sebastian Schindegger in der Rolle des Popstar-ähnlichen Siegfried und Julia Penner als maulige, bei der Hochzeit mit Gunther schmutzbeschmierte und schreckensstarr aufschreiende Brünhild dahinter nicht zurückstehen dürfen. Freche Gegenwartsbeimischungen zuhauf jedenfalls. Außerdem wird dem Publikum eine spektakuläre Heerfahrt nach Island mit drohend geschwungenen Kreuzen im Trockennebel geboten, später ein ausgelassenes Flokkati-Beieinander von Kriemhild und Siegfried, kurz vor der Pause ein Siegfried-Mord mit filmisch durch die Straßen eines Frankfurter Vororts verfolgtem Speer ... und vieles mehr. Am Ende liegt die (Bühnen-)Welt in Trümmern, Kriemhild erwägt kurz vor der Eskalation am Hunnenhof den vollständigen Ausstieg aus der Geschichte (Bloß weg vom Mythos "Worms, ein Wintermärchen"!), stellt dann aber doch mit Ertränken und Erwürgen ihrer Burgunder-Verwandtschaft das erwartete Ende sicher. Etzel, vom Siegfried-Darsteller Sebastian Schindegger als friedliebender buddhistischer Mönch gespielt, beschmiert sich darauf eine Gesichtshälfte mit Blut, stapft auf eine Holzkabine am Bühnenrand zu und setzt sich dort neben die still und starr seiner harrende Brünhild. Der Rest ist Kulissenbruch und Abfall. Aber was immer damit im Einzelnen gemeint sein mag - die vorangegangenen drei Stunden haben Spaß gemacht. Nächste Auff. 30. Okt. und 8. Nov.; Karten 069/1340 400.

