Zwei spanische Zirkuskinder pauken unterwegs für gute Schulnoten

Bryan (l.) und Yeray vom Circus Busch müssen wie alle anderen Kinder Hausaufgaben machen.
Foto: Carolin Runte

MAINZ -Kuschelige Teppiche, gemütliche Couch, ein riesiger Flachbildfernseher, ein Computertisch. Alles hat seinen Platz. Wie in einem richtigen Wohnzimmer. „Bitte, die Schuhe aus“, sagt Maribel Sanchez-Alcaraz höflich und deutet lächelnd auf die Treppenstufen des geräumigen Wohnwagens.

Nur einige Meter entfernt dringt Musik aus dem Zirkuszelt – das Orchester probt für die nächste Vorstellung. In einem kleinen Nebenraum stecken zwei Jungen eifrig ihre Nasen in bunt bebilderte Schulbücher.

Familientradition fortsetzen

Ohne Schminke erkennt man Tony Papadopaulo-Ruiz auf den ersten Blick nicht. „Willkommen in unserem Appartement auf vier Rädern“, sagt Tony stolz und streckt seine Hand zur Begrüßung aus. Sein Händedruck ist fest. Das muss er auch sein: Denn Tony ist einer der Tonito-Clowns, die bereits in der dritten Saison beim Zirkus Carl Busch engagiert sind.

Nicht nur Späße, auch akrobatische Nummern gehören zu seinem Handwerk. Er stammt aus einer spanischen Artistenfamilie in der fünften Generation.

Die Wahrscheinlichkeit, dass seine beiden Söhne, Yeray (13) und Bryan (8), die Familientradition fortsetzen, ist groß. „Yeray ist schon jetzt großartig auf dem Trampolin“, sagt Tony und erklärt weiter: „Die Jungen bekommen Musikunterricht, üben auf dem Trampolin und werden in die Shows eingebunden, sodass sie vorbereitet sind, wenn sie sich später für ein Artistenleben entscheiden.“

Ohne festen Wohnsitz

Genauso wichtig wie die Vorbereitung auf eine mögliche Zirkuskarriere ist Tony auch die Schulbildung seiner beiden Söhne. Für Zirkuskinder nicht leicht. Denn sie haben keinen festen Wohnsitz und damit auch keine feste Schule, wo sie hingehen können. Tonys Söhne sowie die drei anderen schulpflichtigen Kinder, deren Eltern mit dem Zirkus Carl Busch unterwegs sind, lernen mittels Fernunterricht. „Cidead“ (The Centre of Innovation and Development of Distance Learning) heißt das offizielle Fernunterrichtsprogramm des spanischen Kultusministeriums für Kinder beruflich Reisender. Denn auch diese unterliegen der Schulpflicht. In Spanien genauso wie in Deutschland. Von sechs bis 16 Jahren müssen spanische Kinder die Schule besuchen. Mindestens die Sekundarstufe I werden Bryan und Yeray also absolvieren. Ob sie danach das „Bacchillerato“, das spanische Abitur, machen, steht ihnen offen.

Am Anfang des Schuljahres erhalten Tony und Maribel eine Liste mit Büchern, die sie kaufen müssen. Yeray und Bryan bearbeiten die Bücher und schicken Hausaufgaben per Internet zu ihren Lehrern bei „Cidead“. Wenn sie Fragen haben, können sie diese im Chat oder per E-Mail stellen. Die Antwort kommt spätestens am nächsten Tag.

Zweimal im Jahr müssen die Kinder Prüfungen beim nächstgelegenen spanischen Konsulat ablegen – je nachdem, wo der Zirkus, bei dem Tony engagiert ist, gerade tourt. Das kann in Stuttgart oder Frankfurt, aber auch in Paris sein. Die beiden Jungen sind wohlerzogen – und zurückhaltend.

„Die beste Note in Englis ch“

Nur einmal, als Tony von den Prüfungen im Konsulat erzählt, guckt Bryan aus seine Büchern auf und es bricht voller Stolz aus dem Achtjährigen heraus: „Das letzte Mal habe ich da die beste Note in Englisch bekommen.“

Die Spanier schätzen sich glücklich über die Möglichkeit des Fernunterrichts, die das spanische Kultusministerium ihnen bietet. In Deutschland ist es komplizierter. So groß wie die Zahl der Kultusministerien, so groß ist auch die Bildungsvielfalt für Zirkuskinder in der Republik. Durch die Länderhoheit gibt es kein einheitliches System wie in Spanien.

Wenn der Zirkus Carl Busch sein Winterquartier im mittelfränkischen Dürrwangen-Haslach bezieht, fährt Tony Papadopaulo-Ruiz mit seiner Familie in ihr Haus im spanischen Benidorm an der Costa Blanca. Dort gehen Yeray und Bryan für zweieinhalb Monate in eine richtige Schule. Bis es so weit ist, sitzen die beiden Jungen jeden Tag für ein paar Stunden an dem kleinen Tisch im gemütlichen Wohnwagen und büffeln – bevor es zum Üben aufs Trampolin oder in die Manege geht.

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