Mainzer Zeitreise in Worten und Bildern: Als die Große Langgasse noch eine Gasse war

Die Residenzpassage in besseren Zeiten. Wenn ein Blockbuster lief, reichte die Schlange an der Kinokasse bis weit in die Schillerstraße hinein. Archivfoto: Klaus Benz

Dieser Ausschnitt entstammt dem Stadtplan, der 1914 dem Mainzer Adressbuch beigelegen hatte. Oben in der Mitte der Schillerplatz und rechts die angeschnittene Große Bleiche erleichtern die Orientierung, denn der Verlauf der Großen Langgasse und anderer Gässchen, auch südlich der Ludwigsstraße haben mit dem Heute nichts mehr zu tun. Ab den 60ern wurde erst die neue Langgasse, dann die anschließende Weißliliengasse wie eine Schneise durchs Gassengewirr geschlagen. Foto: Slg. Bermeitinger

Durch Straßennamen und Gebäudebenennungen lässt sich der Ort gut lokalisieren, heute führt am unteren Bildrand die Langgasse vorbei. Foto: Sammlung Heinz Leiwig

Der Blick geht von der Großen Bleiche (wohl von der unzerstörten Kaufhalle) hinüber zur Langgasse und zur Schillerstraße zum im Aufbau befindlichen Schönborner Hof. Der Trampelpfad links ist die Welschnonnengasse, während ganz links das wiederhergestellte Haus zum Zirlin, Kötherhofstraße 3, zu sehen ist; später Tangente Club, heute Santiago Restaurant. Foto: Stadtarchiv Mainz

1960 begann der Ausbau der Großen Langgasse, der im autogerechten Mainz von den Stadtplanern eine wichtige Funktion zugedacht war. Sie sollte die oft schlimm verstopften Nord-Süd-Achsen Schillerstraße und Flachsmarkt-/Schusterstraße entlasten sowie dringend notwendigen Parkraum bieten. Später wurde sie mit der Weißliliengasse zur Altstadttangente verlängert. Foto: Stadtarchiv Mainz

Die Langgasse reichte einst nur bis zur Emmeransstraße, ging dann in die heute noch vorhandene Kötherhofstraße über. Dort stand der Kötherhof, ein großer Restaurationsbetrieb mit Kino und Varieté. Foto: Sammlung Bermeitinger/Stadtarchiv

Das Café Neuf an der Insel, Gründungsort von Mainz 05. Heute führt die Langgasse über das Grundstück, der Fotograf stünde auf der Fahrbahn. Das Haus rechts im Hintergrund mit dem Türmchen markiert die heutige Einmündung der Großen Langgasse in die Ludwigsstraße. Foto: Sammlung Bermeitinger/Stadtarchiv

Das Foto links stammt vom Ende der 50er. Das Residenz steht bereits, aber noch liegt das alte Pflaster. Foto: Horst Reber/Stadtarchiv Mainz

Der Blick geht um 1957 von der Langgasse über ein Wohnhaus an der Welschnonnengasse zum noch nicht aufgebauten Turm von St. Emmeran. Foto: Horst Reber/Stadtarchiv Mainz

Die Residenzpassage in besseren Zeiten. Wenn ein Blockbuster lief, reichte die Schlange an der Kinokasse bis weit in die Schillerstraße hinein. Archivfoto: Klaus Benz

MAINZ -Der Blick zurück – er schmerzt. Nicht allein, weil die Große Langgasse von einst ein hundertprozentiger Bombenverlust ist, sondern auch, weil diese Kriegswunde von den Verkehrsplanern für alle Ewigkeiten ins Antlitz der Stadt betoniert wurde. Vom pittoresken Einst über das totale Nichts zum traurigen Jetzt – dieser Blick zurück schmerzt aber nicht nur, er ist auch spannend.

Angesichts der Bilder aus der Vorkriegszeit sieht man schnell, dass der Straßenzug den Namen Langgasse zurecht trug. Was man ihr aber eher nicht ansieht, ist, dass dieser schmale Schlauch einst ein wichtiger Zufahrtsweg in die Innenstadt war. Denn bevor die heutige Schillerstraße zum Münsterplatz durchgezogen wurde, führte der Weg von der Altmünsterpforte in der Stadtmauer (Gärtnergasse/Hintere Bleiche) über die Langgasse in die Innenstadt. Und dabei war diese enge Verbindung noch nicht einmal durchgehend, wie man unten auf der Karte von 1914 gut erkennen kann: Damals reichte sie bis zur Emmeransstraße, ging in die heute noch existierende Kötherhofstraße über, ums Eck in die Inselstraße, dann wieder ums Eck ... ein mühsamer Weg, zumal für die Fuhrwerke.

DIE GROSSE LANGGASSE WAR EHER SCHMAL...

Nun rollen die Bagger in der Großen Langgasse, die in den nächsten beiden Jahren umgestaltet wird. Nicht ohne Grund, denn die breite Achse gehört nicht gerade zu den schönsten Straßen der Stadt. Sie ist viel zu breit, der Verkehr zu schnell.

Vor den Bombennächten hatte sie ein ganz anderes Gesicht, weit entfernt von der heutigen Asphalt-Schneise. Wir blättern ein bisschen im Foto-Album dieses Straßenzugs, zeigen die Entwicklung von der Gasse über Trümmerwüste und Einöde bis zum letzten großen Umbau Anfang der 60er Jahre.

Verlauf und Name

Die Große Langgasse verläuft von der Umbach/Einmündung Steingasse seit 1961/62 bis Ludwigsstraße; vorher bis Emmeransstraße, weiter Kötherhofstraße.

Der Straßenzug wurde erstmals 1279 erwähnt als „in d(er) langen gazzen“; 1575 dann als „Groß Lang Gass“ (aus: Heuser, Rita: „Namen der Mainzer Straßen und Örtlichkeiten“; Geschichtliche Landeskunde Band 66, Franz Steiner Verlag Stuttgart).

Es ist auch kaum mehr vorstellbar, wie dicht besiedelt die Gegend damals war. Wer sich aber die alten Bilder betrachtet und sieht, dass die Häuser nur wenige Fensterachsen breit, aber dennoch nicht niedrig waren, der bekommt ein Gefühl fürs enge Miteinander der Mainzer. Kein Grund für Romantik und Verklärung. Die hygienischen Verhältnisse waren fürchterlich, in der Mainzer Altstadt war TBC eine Volkskrankheit, und sogar die Cholera tauchte lange noch auf.

Sicher auch ein Grund, warum nach den Verwüstungen der alliierten Bombenangriffe und dem Abräumen der Trümmer bei der Neuordnung der Langgasse der einstige Querschnitt nicht mehr aufgenommen wurde.

Zunächst passierte aber 15 Jahre lang gar nichts. Die Große Langgasse lag, wo sie immer gelegen hatte, mit ihrem holprigen Pflaster und den alten Bordsteinkanten. An der rechten, westlichen Seite entstanden in den 50er Jahren Verwaltungsbauten, dann das Haus an der Ecke zur Kleinen Langgasse und 1957 das Residenz-Kino – nur die Gegenseite blieb öd und leer.

Sie wurde ein einziger riesiger Parkplatz, und weil das Auto eben immer mehr Raum in der Wirtschaftswundergesellschaft erhielt, wollte man ihm Anfang der 60er die autogerechte Stadt zu Füßen legen. Eine der ersten Maßnahmen war die Verbreiterung der Großen Langgasse zur mehrspurigen Rollbahn mit ausreichend Parkflächen an den Seiten. Und zunächst noch ohne Ampeln für querende Fußgänger, die idealerweise über Mut, Schnelligkeit und eine gehörige Portion Gottvertrauen verfügen mussten.

Brachte das Asphaltband zumindest dem Autoverkehr eine gewisse Ordnung, blieb die Bebauung stets Stückwerk: Große Klötze, unscheinbare Blocks sowie kleine Provisorien für die Ewigkeit. Die Bauflucht, so sie überhaupt angedacht war, wird dauernd unterbrochen von beliebig zurückgesetzten Bauten, deren vorgelagerte kleine Plätze doch nur zugeparkt sind und mehr wie Hinterhöfe vorm Haus wirken. Seit die Bäume gewachsen sind, sorgen zumindest sommers die Kronen dafür, dass nicht das gesamte Elend sichtbar ist.

Nun brechen neue Zeiten an. Die Straße ändert sich, Gebäude werden abgerissen, neue sind geplant. Die Hoffnung bleibt, dass es nicht wieder Stückwerk wird.

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