Mit dem Seziermesser unterwegs

COMEDY Ingo Appelt nimmt Welt und Gesellschaft auseinander – und erklärt sie auf seine ganz eigene Weise

Ingo Appelt begeisterte sein Publikum in der kING mit einem Programm, das er selbst um eine Stunde überzog – weil er „noch Bock“ hatte. Foto: Thomas Schmidt

INGELHEIM -Fest steht: Ein Abend mit Ingo Appelt ist nichts für Zimperliche. Und zweitens: Sein aktuelles Tour-Programm „Besser ... ist besser!“ ist unendlich lustig. Die 850 Zuschauer in der kING konnten sich kaum beruhigen und verfielen immer wieder in hysterisches Gelächter. Das 50-jährige „Enfant terrible“ der deutschen Comedy-Szene, bekannt aus zahlreichen TV-Auftritten, zog alle Register, nahm kein Blatt vor den Mund.

Keiner kam ungeschoren davon: Politiker, Prominente, Schwule, die Kirche, Muslime, Nazis, Sachsen, Vegetarier, Frauen, Männer, einfach niemand. Dabei sprach Appelt völlig tabulos Dinge aus, die andere nicht mal zu denken wagen. Verblüfft schaute sich das Publikum bisweilen fragend an: „Hat er das jetzt wirklich gesagt?“ Ja, hatte er, größtenteils unzitierbar, da äußerst pikant und anstößig formuliert. Für Ingo Appelt selbst alles völlig harmlos, schließlich habe er sich vom Saulus zum Paulus gewandelt: „Ich bin ein anständiger Komiker geworden!“, bekannte er augenzwinkernd. Gleichwohl: Wäre die Show des Wahl-Berliners ein Film in den USA, wäre passagenweise nahezu durchgehend der Piepton der Zensur erklungen. Keine Sekunde Langeweile kam auf, dafür sorgte schon Ingo Appelts enorme Präsenz. Der Comedian blieb nicht stoisch stehen, sondern eroberte sich in Glitzerjackett und Sneakers die Bühne, sang und tanzte. Unterhaltsam war auch seine stetige Interaktion mit dem Publikum: „Sind Nazis hier?“, fragte er etwa. „Die sollen mal aufstehen!“ Oder: „Ist hier jemand aus dem Osten?“ Oder: „Gibt es hier Frauen, die mehr oder gleich viel verdienen als ihr Mann?“

Ingo Appelt hatte durchaus etwas zu sagen, äußerte sich entschlossen zur politischen Lage am Vorabend einer neuen GroKo: „Ich brauche viel Zuspruch heute Abend, ich bin krank und in der SPD.“ Wie ein rasender Wutbürger rechnete er ab mit der internationalen Politikerszene, entwarf Utopien, mahnte mehr Nächstenliebe gerade in der Flüchtlingsfrage an und zeigte seine Verachtung für die neu erstarkten rechten Strömungen.

Wie ein roter Faden zog sich das Hauptthema durch den Abend: Männer. Genauer gesagt: „schlechtgelaunte, dauerbrünftige Männer“. „Dienstleister“, das sollen sie sein. Und von Frauen lernen, gerade was die Kommunikation betrifft. Nicht ganz einfach: Denn Frauen seien wie Fledermäuse. Wenn sie sprechen, senden sie Signale aus, wenn von ihren Männern dann kein Echo kommt, können sie sich nicht orientieren und fliegen gegen Bäume. Zwischen den Zoten und stakkatoartig getakteten F***-Wörtern versteckte sich ein tiefsinniger, kluger und weitsichtiger Beobachter, der die bestehenden Geschlechter-Verhältnisse mit dem Seziermesser auseinandernahm und sehr treffend analysierte.

Appelts Imitationen von Til Schweiger bis Angela Merkel waren brillant, aber sein Herbert Grönemeyer setzte dem Ganzen die Krone auf. Dafür nahm er am E-Piano Platz, biss sich in der Interpretation fest und arbeitete sich bis zur Perfektion am berühmten Ruhrpottsänger ab. Täuschend echt, die Besucher tobten, und Ingo Appelt hörte nicht auf: „Ich mach einfach weiter, ich hab noch Bock!“ Kein Wunder, dass aus den angekündigten zwei Stunden schließlich drei wurden.

Fazit: Kein Hohelied des guten Geschmacks, aber ein Fest des schwarzen Humors mit viel Witz.

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