Nach drakonischer Strafandrohung der Stadt Bad Kreuznach sucht Zirkusfamilie verzweifelt ein Winterquartier

Zirkusdirektorin Monja Rojan vom Circus Danielo ist verzweifelt. Sie bemüht sich aber, für Enkelchen Alisha wenigstens ein bisschen Weihnachtsstimmung zu verbreiten. Fotos: Heidi Sturm

BAD KREUZNACH -„Ich hätte nicht gedacht, dass man als Deutscher in Deutschland abgeschoben werden kann“, sagt Monja Rojan verzweifelt. Knapp eine Woche vor den Feiertagen hat die Inhaberin des kleinen, auf der Pfingstwiese gestrandeten Familienzirkusses Danielo die Hoffnung auf ein „Weihnachtswunder“ aufgegeben: Darauf, dass sie hier mit ihrer Familie und den Lamas und Ponys einigermaßen geruhsam und ohne nagende Existenzängste überwintern kann.

Grundsätzlich hat sich die Situation nicht gebessert

Wegen eines Verstoßes gegen die städtische Gefahrenabwehrverordnung drohen ihr 10 000 Euro Zwangsgeld und sie riskiert, abgeschleppt zu werden, wenn sie das Gelände nicht freiwillig räumt. Zwar hat die Stadt etwas eingelenkt und ihr statt der zunächst geforderten sofortigen Räumung eine Frist bis Mitte Januar gewährt und auch bis dahin das bereits festgelegte fünfstellige Zwangsgeld ausgesetzt, die Situation hat sich aber grundsätzlich nicht verbessert. „Ich weiß nicht, wohin“, unterstreicht die fünffache Mutter, dass die angedrohten existenzvernichtenden Konsequenzen notfalls mit Pfändung ihres gesamten Besitzes nicht vom Tisch, sondern nur verschoben seien.

UNBEANTWORTET

Seitens der Pressestelle der Stadt hieß es auf AZ-Anfrage, man „könne sich nicht vorstellen, dass es außer der offiziellen Stellungnahme weitere Auskünfte zu diesem Fall geben wird“.

Offen bleibt die Frage, wohin die Stadt den Fuhrpark im Fall des Falls hinschleppen will und was mit den Menschen und Tieren passieren soll.

Ebenfalls unbeantwortet blieb, warum hygienische Gründe gegen ein Winterquartier auf der Pfingstwiese sprechen sollen, wo doch vor fünf Jahren der Zirkus Atlas dort dreieinhalb Monate überwintern durfte.

Natürlich sei es nicht in Ordnung gewesen, hier einfach die Wagen abzustellen. Sie kann nachvollziehen, dass die Stadt keinen Präzedenzfall schaffen wolle. Dass man aber ein derartiges Fass aufmache – damit habe sie nicht gerechnet. Sie habe schließlich nur aus einer Notlage gehandelt, weil man nach einer ganz schlechten Saison keinen bezahlbaren Platz mit Stromanschluss zum Überwintern gefunden habe. Mangels Alternativen habe man die befestigte Pfingstwiese angesteuert, wo man keinen Flurschaden anrichten könne und in der hintersten Ecke doch auch keinen störe.

„Wir leben oft von der Hand in den Mund und haben nicht immer viel im Kühlschrank, zappeln uns aber täglich ab, damit wir niemanden auf der Tasche liegen“, sagt Rojan und legt Wert darauf, dass sie ordnungsgemäß Steuern und Versicherung zahle und garantiert mit ihren sechs Personen keine Gefahr sei. Und dann brauche man einmal in zehn Jahren für eine Überbrückungszeit etwas Hilfe und werde derart abgekanzelt. „Da habe ich nichts bemerkt von Merkels ,Wir schaffen das’“, seufzt die Zirkusfrau. Sie habe versucht, beim Mitarbeiter des Ordnungsamtes Verständnis zu wecken und ihm versichert, dass sie die festgesetzten 10 000 Euro nie im Leben bezahlen könne. „Das werden wir dann sehen“, habe man ihr entgegnet und erläutert, dass 500 oder 1000 Euro für sie keine Lektion seien. „Warum haben die mir nicht gleich Handschellen angelegt?“, fragt Rojan sarkastisch und ergänzt: „Die hätten wahrscheinlich auch Maria und Josef davon gejagt.“

Regelrecht vorgeführt habe sie sich bei einem Gespräch bei Stadtrechtsdirektorin Heiderose Häußermann gefühlt, bei dem man ihr mit einem Dutzend Personen gegenüber getreten sei – Polizisten, Vertreter von Kreisverwaltung und Mitarbeiter eines Abschleppunternehmens, die schon Bilder vorgelegt und Pläne gehabt hätten, wie man den Wagenpark entfernen könne. Man habe ihr vorgehalten, dass sie auch schon einmal in Wittlich festgehangen habe: Da sei ihr vor zehn Jahren der Lkw kaputt gegangen, seitdem sei aber nie mehr etwas derartiges passiert. Auch den Bedenken des Veterinäramts tritt sie entgegen: Weil man für die Tiere kein Auslaufgehege aufbauen könne, führe man sie täglich aus.

„Wir würden hier am liebsten sofort abreisen“, sagt die Zirkuschefin und versichert, dass man intensiv weiter suche. Der von der Stadt angebotene Platz in Saulheim komme aber mangels Wasser- und Stromversorgung nicht in Frage. Auf der Pfingstwiese kann sich die Familie wenigstens Wasser in Kanistern von Tankstellen holen, auf Strom aus der Leitung muss man allerdings verzichten, weil man die 600 Euro Kaution bei den Stadtwerken nicht bezahlen kann. Die Energie für Kochen und Licht kommt aus einem Stromaggregat, 20 bis 30 Euro täglich kostet das Benzin dafür – was die prekäre Finanzsituation noch verschärfe.

Weihnachtsstimmung kommt da nicht auf. Für das zweijährige Enkelchen Alisha hat sie ein bisschen alte Adventsdeko aufgehängt, den drei ältesten Kindern, die sie regelmäßig besuchen und öfter auch bei Auftritten aushelfen, habe sie schon mitgeteilt, dass diese wegen des ganzen Ärgers nicht kommen sollten – zumal „eh keiner mehr Lust zum Feiern“ habe. Balsam für die Seele sind da allerdings einige Kreuznacher, die schon Lebensmittel oder Heu vorbeigebracht haben. „Da sieht man, dass es noch Menschen mit Herz gibt“, ist Rojan dankbar.

Die Stadt ließ verlauten, dass die Zwangsandrohung nach dem Gespräch mit der Zirkus-Inhaberin mit Stadtrechtsdirektorin Heiderose Häußermann aufgehoben habe. Zudem habe die Stadtrechtsdirektorin die Telefonnummer der Besitzerin eines großen Geländes in einer rheinhessischen Gemeinde weitergeleitet, die eine Aufnahme des Zirkus angeboten habe. „Unsere Pfingstwiese ist für ein Zirkuswinterlager ganz und gar nicht geeignet. Die hygienischen Verhältnisse lassen das nicht zu, es fehlt die Infrastruktur“, so Häußermann. Außerdem stünden tierschutzrechtliche Gründe entgegen. Dies habe der Veterinär, der an diesem Gespräch teilgenommen habe, sehr deutlich gemacht.

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