Von Alexandra Eisen
Es trifft Mitschüler, Lehrer, unbeliebte Nachbarn - Diffamierungen mit Hilfe moderner Medien nehmen zu
MAINZ "Philip wird gemobbt", heißt das Video, mit Handy-Kamera aufgenommen, 19 Sekunden lang. Mehr als 250 Mal wurde es im Internet in den vergangenen acht Monaten angeklickt.
Der kurze, verwackelte Film zählt sicher zu den harmloseren Aufnahmen. Der Junge, vielleicht elf oder zwölf Jahre alt, wird im Schulflur von Mitschülern an seinem Rucksack gezogen und zu Boden geworfen. Keine neue Form des Hänselns von Mitschülern - neu ist aber, dass der Vorgang per Handy gefilmt und danach weitergeleitet oder ins Internet gestellt wird. Cyberbullying ist der Oberbegriff für viele Facetten des Mobbings mit Hilfe moderner Kommunikationsmittel. Auch das Schreiben bedrohlicher oder diffamierender E-Mails oder SMS gehört dazu oder die Beschimpfung oder Beleidigung anderer Personen in Internet-Chats und -Communities. Mittlerweile existieren Gruppen, die sich unter dem Motto "Wir hassen ..." eigens gründen, um Mitmenschen zum Gespött zu machen, öffentlich zu demütigen. Konflikte werden im Internet ausgetragen. Opfer sind längst nicht nur Kinder und Jugendliche. Treffen kann es jeden - den unbeliebten Nachbarn, die Ex-Freundin, den Lehrer. Letztere werden häufig Opfer. Sie erhalten nicht nur Droh-Mails oder -SMS. Sie werden auch heimlich im Unterricht gefilmt, und die Täter schrecken auch nicht davor zurück, Lehrer bewusst in eine peinliche Situation zu bringen, um dann die Handy-Kamera einzuschalten. Eine Befragung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft unter Mitgliedern kam 2007 zu dem Ergebnis, dass acht Prozent der Befragten direkt von Cyberbullying betroffen sind. In einer aktuellen Untersuchung des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest (JIM-Studie 2008) sagten 40 Prozent der befragten Internetnutzer im Alter zwischen 12 und 19 Jahren, von ihnen seien ohne ihr Wissen Fotos ins Netz gestellt worden. Fast ein Fünftel der Befragten gab an, mit falschen oder beleidigenden Aussagen bloßgestellt oder gekränkt worden zu sein. Ein Viertel der Jugendlichen berichtete, schon einmal von Mobbing in einer Community betroffen gewesen zu sein. Eine Studie des Zentrums für empirische pädagogische Forschung der Universität Landau kam zu dem Ergebnis, dass 84 Prozent der jugendlichen Täter auch im realen Leben mobben. Die Hälfte der Täter ist außerdem selbst Opfer. Für die Studie wurden Schüler von der ersten bis zur 13. Klasse befragt. 5,4 Prozent gaben an, einmal pro Woche oder öfter Opfer von Internet-Mobbing zu sein, 14 Prozent hatten diese Erfahrung bereits ein Mal gemacht. "Interessant war auch, dass die Opfer sich nur selten mit ihrem Problem an Erwachsene wenden", erklärt Julia Riebel, die die Studie durchgeführt hat. Begründung: Erwachsene nähmen das Problem nicht ernst, könnten nicht helfen. "Probleme werden eher mit Gleichaltrigen besprochen, deshalb sollten sie aktiv in die Präventionsarbeit einbezogen werden", sagt Dr. Birgit Pikowsky vom Fachbereich Schulpsychologie des Instituts für schulische Fortbildung und Schulpsychologische Beratung (IFB) Rheinland-Pfalz in Speyer. Es müsse eine Kultur der gegenseitigen Unterstützung aufgebaut werden. "Schule ist dafür ein wichtiger Ansatzpunkt", so die Psychologin. Die Bildungsministerien legen deshalb Wert auf die Medienkompetenz von Schülern und Lehrern. "Schule@Zukunft" heißt eine entsprechende Medieninitiative in Hessen. In Rheinland-Pfalz werden die Schulen vom Programm "Medienkompetenz macht Schule" unterstützt, wobei auch die Eltern einbezogen werden. Medienkompetenz aber ist nicht alles. "Zeit haben und Kindern zuhören, wenn sich Schwierigkeiten abzeichnen", das ist eine simple aber wichtige Verhaltensweise, die Birgit Pikowsky Eltern und Lehrern ans Herz legt. "Lehrer sollten das Problem Mobbing nicht ignorieren und aktiv ansprechen", sagt die Psychologin. In Rheinland-Pfalz können Lehrer unter anderem auf das Programm "Propp" des Schulpsychologischen Dienstes zurückgreifen. Auch Eltern finden unter anderem Unterstützung in den Schulpsychologischen Beratungszentren (Rheinland-Pfalz) oder beim Schulpsychologischen Dienst (Hessen).

